Liebesgeschichte Teil 9Sarah kehrt dem Strandhaus den Rücken und reist mit Peter nach Europa.

Sarah rannte. Sie rannte durch London, sie rannte durch Paris, Berlin, Madrid – nur um Will zu vergessen, aber sie konnte ihn nicht abschütteln. Dieser eine Kuss hatte sie infiziert und dass er unter einem Trauma litt, schreckte sie nicht ab. Es zog sie zu ihm hin. Sie wollte bei ihm sein, ihn trösten, ihn lieben. Immer wieder sagte sie sich, wie lächerlich und absurd das war – ihre Schwärmerei! Will brauchte sie nicht. Es schien, als wäre es Sarah, die Will brauchte.
Während Peter seine Termine wahrnahm, vertrieb Sarah sich die Zeit im Hotel damit, Artikel über posttraumatische Belastungsstörungen zu lesen. Sie kam vor allem bei Soldaten vor, aber auch bei Opfern von Verbrechen oder Unfällen, auch Hilfskräfte waren davon betroffen. Was hatte Will wohl in Afrika Furchtbares erlebt, dass er noch heute so darunter litt?


Die Zeit mit Peter in Europa war seltsam. Sarah fühlte sich fremd, sehnte sich nach ihrem zu Hause. Peter hatte nicht viel Zeit für sie. Weil die Reise von vier Wochen auf zwei verkürzt worden war, musste er von einem Termin zum nächsten. Das war nicht seine Schuld. Sarah hatte das mit ihrem Rückzug ins Strandhaus selbst verschuldet. Abends gingen sie meist gemeinsam zu einem Geschäftsessen. Während sie sich mit den anwesenden Ehefrauen unterhielt, besprach Peter mit den Männern Geschäftliches. Wenn sie ins Hotel zurückkehrten, schliefen sie miteinander. Immer wieder tauchte Wills Bild vor ihr auf, wenn sie mit Peter zusammen war. Sie schämte sich dafür. Will war wie ein Fieber, das sie nicht mehr loswurde. Am Abend vor ihrer Abreise geschah, was Sarah erwartet hatte: Peter machte ihr einen Heiratsantrag. Es war in Berlin. Sie waren endlich einmal allein in einem schicken Restaurant essen gegangen. Dann hatte Peter sie noch zu einem Spaziergang überredet. Es war ein milder Abend und Sarah hatte nichts dagegen einzuwenden. Auf der Museumsinsel, die wunderbar erleuchtet war, hatte er sie schließlich gefragt. „Wir sind ein Dreamteam, Sarah. Du und ich, wir gehören zusammen.“ Er wirkte nicht nervös. Sie wurde es, weil sie ahnte, was jetzt kam. „Du weißt, bald wird es ernst. Dein Dad hat mich angerufen, sie werden mich als Kandidaten aufstellen und ich… ich brauche dich an meiner Seite.“ Das waren seine Worte. Er kniete vor ihr nieder, was Sarah ziemlich lächerlich vorkam. Peter kniete vor keinem Menschen. Mit einer Hand hielt er ihre Hände, mit der anderen zog er einen Ring aus seiner Jackentasche – einen wundervollen Klunker, in dem sich das Licht der Strahler auf der Museumsinsel brach. „Willst du meine Frau werden, Sarah Graham?“ Es war als ob Sarahs Kopf zerspringen würde. Sie konnte es nicht tun! Liebte sie Peter überhaupt noch, wo sie doch ständig an diesen verdammten Will denken musste? Peter sah wie immer gut aus. Er war selbstbewusst, zeigte keine Spur von Nervosität, auch jetzt nicht, da sie zögerte. Es schien, als könnte nichts ihn aus der Fassung bringen. Er blickte ihr tief in die Augen. Er hatte das Gesicht eines Gewinners, der Politikerposten würde ihm gut stehen – Macht stand ihm gut. Seine grünen Augen waren durchdringend, seine Nase gerade, die Lippen schmal. Sarah beugte sich zu ihm, küsste ihn und hauchte: „Ja, Peter, ich will dich heiraten.“ Sie tat, was von ihr erwartet wurde. Sie ging den Weg weiter, der ihr vorbestimmt war und nichts konnte sie aufhalten…


Ein paar Tage später – sie waren zurück in Amerika – atmete Sarah tief durch und öffnete die Türen zur Kanzlei „Woolham und Partner“. Das war also ihr erster Tag in ihrem neuen Leben. Sie war perfekt vorbereitet, perfekt gekleidet und fühlte sich dennoch völlig fehl am Platze. „Ms. Graham, wie schön, Sie hier zu sehen.“ Mr. Woolham, ihr zukünftiger Boss begrüßte sie überschwänglich. „Nehmen Sie Platz!“ Er deutete auf einem Stuhl gegenüber seinem gewaltigen Schreibtisch. Mit im Büro saßen zwei weitere Leute, ein junger, schneidiger Typ und eine Dame mittleren Alters. „Nun, ich möchte nicht lange drumherum reden. Sie sollten sich alle drei besser kennen lernen, denn nur einer von Ihnen wird in sechs Monaten noch hier sein.“ Ok, Sarah hatte schon davon gehört, dass es üblich war, nur nicht damit gerechnet: sie spielten also drei Kandidaten für sechs Monate gegeneinander aus und würden sich dann für einen von ihnen entscheiden. „Möge der oder die Beste gewinnen!“ Sarah schluckte. Es ging gleich voll zur Sache. Nach dem Gespräch schüttelten sich alle die Hände und beäugten sich heimlich gegenseitig. Es würde ein harter Kampf werden. Wer es bis hierher geschafft hatte, musste gut sein, verdammt gut und sie kam frisch von der Uni! Dann bekam Sarah eine kleine Ecke im Großraumbüro zugewiesen, die Wände grau, der Tisch kahl. Sarah setzte sich auf ihren Stuhl und überlegte, ob sie sich eine Pflanze hinstellen sollte. „Hi!“, ich bin Louise. Eine nette Dame sah um die Ecke und knallte ihr ein paar Akten auf den Tisch. „Herzlich Willkommen bei ‚Woolham und Partner‘. Wenn du Fragen hast, wende dich am besten an mich. Nachher ist eine große Teambesprechung. Da wirst du ein paar Fällen und deinen Partnern zugewiesen. Am besten du liest dich schon mal ein! Du solltest nachher die gröbsten Fakten drauf haben.“ Sarah nickte. Ok, der Spaß konnte also beginnen. „Viel Spaß!“, zwinkerte Louise ihr zu und verschwand. Sarah schlug die Akten auf und verschaffte sich einen Überblick: vornehmlich Scheidungsfälle und Vermögensfragen, Streitigkeiten um Erbschaften etc. Sarah spürte, wie ihr die Energie entzogen wurde, schon beim Anblick dieser Fälle. Was war nur los mit ihr? Sie holte sich einen Kaffee und begann, sich Notizen zu machen. Der Rest des Tages war wie ein Rauschen. Kaum kam sie aus einer Besprechung, musste sie schnell ein paar Akten lesen und Gesetzbücher wälzen, um sich auf die nächste Besprechung vorzubereiten. Sie bekam gleich so viele Fälle auf den Tisch, dass sie kaum die Möglichkeit haben würde, die betroffenen Personen selbst zu befragen. „Du bist dazu da, Fakten zu besorgen – mit den Leuten sprechen deine Chefs, Sarah.“ sagte Peter, als sie sich bei ihm am Abend darüber beklagte. „Aber es ist nicht das Papier, was mich an meinem Job interessiert.“, maulte Sarah. Peter lachte. „Da musst du wohl durch!“, sagte er und goss ihr einen Drink ein. Ja, das musste sie wohl.


Am dritten Arbeitstag schneite ihr Vater rein. Das war Sarah sehr peinlich. Er ging natürlich erst zu Mr. Woohlham ins Büro. Sie führten ein angeregtes Gespräch, wie Sarah durch die Glastür des Büros von Mr. Woohlham beobachten konnte. Dann kamen die beiden nach draußen, so dass jeder sie sehen konnte und sie kamen natürlich zu ihr an den Schreibtisch. „Na, wie macht sich meine Tochter?“, sagte ihr Vater laut. Super, jetzt wusste jeder im Büro, dass sie einen Bonus genoss, weil ihr Vater ein hoch angesehener Richter war! Mr. Woolham schlug lachend ihrem Vater auf die Schulter. „Dad!“, zischte sie ihm warnend zu. „Wie wäre es mit Mittagessen, mein Kind?“, fragte er als wüsste er nicht genau, dass sie es hasste, wenn er so einen Wirbel um sie machte. Sie schüttelte den Kopf und blickte zu ihrem Boss und dann auf den Stapel Papiere vor sich. „Ich habe noch jede Menge zu tun, Dad. Tut mir leid!“ „Ach was!“, Mr. Woolham winkte ab. „Gehen Sie nur mit ihrem Vater essen, Sarah. Die Familie sollte immer an erster Stelle stehen!“ Wunderbar! Das war wirklich wunderbar!

Sina Jasur
Sina Jasur
Ganz ehrlich? Mein Leben ist zu stressig! Ich bin mit einem Workaholic verheiratet, habe drei Kinder und will mich selbst verwirklichen. Ich schreibe, singe ab und zu in einer Band, engagiere mich in der Flüchtlingshilfe und versuche, nebenbei Geld zu verdienen, am liebsten mit den Dingen, für die ich brenne: Veganismus, Minimalismus und passives Einkommen. Mir macht es einfach Spaß, gesellschaftliche Konzepte zu hinterfragen und neue/alte, andere Wege auszuprobieren. Wenn es Euch auch so geht, ist dieser Blog genau das Richtige.