Liebesgeschichte Teil 8Sarah weiß, sie muss mit Will sprechen…

Gleich zum Sonnenaufgang stand Sarah auf. Ihre Mutter schlief noch. Das war gut so. Sie musste nicht mitbekommen, dass sie zu Will ging. Dann würde sie ihr nur Vorwürfe machen. Sarah zog ihre Joggingsachen an und lief am Strand hinüber zu Wills Haus. Er würde bestimmt schon wach sein. Jack hatte sicher dafür gesorgt. Tatsächlich öffnete er etwas verschlafen die Verandatür, nur mit T-Shirt und Shorts bekleidet. Jack zwängte sich sofort an ihm vorbei, als hätte er nur darauf gewartet, endlich rauszukommen, und lief in Richtung Strand. „Oh, habe ich dich geweckt?“ Sarah war peinlich berührt. „Nein. Ja. Ach nicht so schlimm.“ Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, wie, um sich den Schlaf wegzuwischen.“ Jack hatte mich schon geweckt.“ Sie nickte: „Ich wollte mit dir reden, wegen gestern Abend.“ Will nickte. „Du wusstest nicht, dass deine Mom kommt.“ „Nein, natürlich nicht.“ Will sah sie forschend an, so dass es ihr heiß und kalt wurde: „Willst Du einen Kaffee?“ Das war keine gute Idee. „Nein, Will, ich… Ich wollte dir nur sagen…“ Gott, jetzt fing sie an zu stottern. Das war aber auch schwer! „Ich bin nicht diese Art von Mädchen, ich… “ Will sah sie an: „Diese Art von Mädchen?“ „Du weißt schon, ich habe einen Freund. Schon eine Weile. Ich…“ Wieso musste er es ihr nur so schwer machen und sie so ansehen? Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Sie sah seine Armmuskeln, die feinen Haare auf seiner hellen Haut. Was war nur mit ihr los? Konnte sie an nichts anderes denken, als ihn zu berühren und mit ihm ins Bett zu gehen? „Ich werde wegfahren.“, sagte Will plötzlich. Das verblüffte Sarah: „Ich verstehe nicht.“ „Ich lass dich lieber allein, also mit deiner Mom.“ Das machte Sarah traurig. „Ich wollte dich nicht vertreiben, ich…“ Aber er schüttelte den Kopf: „Nein, nein, ich habe sowieso einiges zu erledigen, in der Stadt. Ich werde eine Weile nicht hier sein.“ Sie sahen sich an und Sarah hätte ihn am liebsten wieder geküsst, so sehr zog es sie zu ihm hin, zu seinen Augen, seinem sinnlichen Mund. Sie musste den Rückzug antreten: „Ok, Will. Ich geh dann lieber.“ Sie wartete seine Antwort nicht ab und rannte den Weg zurück zu ihrem Haus am Strand entlang. Sie hätte heulen können.


Es war als hätte Will ihren derzeitigen Gemütszustand noch verstärkt. Sarah war in einer Zwischenwelt, an einem Scheideweg. Sie konnte jetzt weiter den ihr vorbestimmten Weg gehen, den Job in der Kanzlei antreten, Peter heiraten, ein Weg ohne Risiken oder abbiegen auf eine ganz andere, neue Straße. Sie könnte einfach zurück zu Wills Haus gehen und mit ihm schlafen, sich lossagen von ihrem Leben, neu anfangen, sich selbst finden. Aber das war lächerlich! Woher kam nur der Wunsch, ihr altes Leben aufzugeben? Es war als hätte Sarah plötzlich einen Freiheitsdrang entwickelt, als gäbe es eine Sarah tief in ihrem Inneren, die heraus wollte, der der Job in der Kanzlei Angst machte und das Zusammenleben mit Peter. „Wollen wir zusammen frühstücken, Sarah?“ Ihre Mutter riss sie aus ihren Gedanken und holte sie zurück in die Realität. Sarah war noch eine ganze Zeit am Strand gerannt, um endlich den Kopf wieder frei zu bekommen, viel geholfen hatte es nicht. Sie hatte sich ganz schön verausgabt und dann bestimmt eine halbe Stunde unter der Dusche gestanden. Jetzt stand ihre Mutter in der Tür zu ihrem Zimmer. Sarah nickte. Sie gingen in die Küche. Sarah ließ sich von ihrer Mutter einen Toast machen und goss sich einen Kaffee ein. Es hatte etwas Tröstliches, dass ihre Mutter ihr das Frühstück bereitete, doch das änderte sich schnell als ihre Mutter auf Will zu sprechen kam: „Ich hoffe, du wirst schnell wieder vernünftig.“ Sie reichte ihr den Toast. „Will ist nicht gerade das, was man eine gute Partie nennt.“ Sarah reagierte genervt. „Mom, Will ist gar keine Partie, er ist ein Freund, wie oft…“ Ihre Mutter hob abwehrend die Hand: „Schon gut! Ich habe es verstanden! Ich wollte dich ja nur warnen. Vor ein paar Jahren hätte ich ihn dir noch wärmstens empfohlen, immerhin ist er der jüngere Bruder von Alexander! Aber jetzt, mit seinem Zustand!“ Ihre Mutter verzog fast angeekelt das Gesicht. „Mom! Es gibt sicher viele Leute, die unter solch einer Störung leiden, Soldaten… Du weißt schon…“ Ihre Mutter bereitete einen weiteren Toast zu. „Ich kann einfach nicht glauben, dass so ein Mann… dass du dich zu so einem Mann hingezogen fühlst, Kind!“ Sarah zuckte mit den Schultern. „Ich wusste nichts von seinem ‚Zustand‘, wie Du es nennst.“ „Ja, er hat es dir wohlweißlich verschwiegen.“ Ja, das hatte er. Sie lehnte sich zurück und trank ihren Kaffee. Konnte sie Will das zum Vorwurf machen? Wie hätte sie reagiert? Sie kannten sich ja auch kaum. Sie hatte sich ihm förmlich aufgedrängt. Ihre Mutter drehte sich zu ihr. „Was ist wirklich los mit dir, Sarah? Das ist doch nicht alles nur wegen diesem Will. Ich meine, warum bist Du überhaupt hier? Solltest du mit Peter nicht in Europa sein? Er hat mich angerufen. Er macht sich Sorgen um dich!“ Na wunderbar, jetzt verschwor sich Peter wieder mit ihren Eltern. Das hatten sie schon öfter getan. Sobald Sarah Dinge tun wollte, die ihnen nicht so ganz in den Kram passten, taten sie sich zusammen, um ihr das auszureden. Sie hatte einmal einen Kurs im kreativen Schreiben belegt und wollte mit einer Gruppe Studenten für zwei Wochen nach Florida in eine Art „Schreib-Retreat“ gehen. Das Schreiben hatte Sarah sehr gefallen, die Gedichte, die sie verfasste, brachten sie dazu, sich selbst besser zu verstehen – sie hatte das Gefühl, neue Seiten an sich zu entdecken. Ihr hatte der Gedanke gefallen: zwei Wochen Stille und Zeit zum Schreiben. Wenn Sarah recht darüber nachdachte, dann war das ihre erster Versuch gewesen, aus dem ihr bestimmten Weg auszubrechen, aber dafür hätte sie einen wichtigen Jura-Kurs sausen lassen müssen. Sarah sah darin kein Problem, Peter schon. Er hatte hinter ihrem Rücken ihre Eltern informiert und zu dritt hatten sie ihr die ganze Sache ausgeredet. Sie war tagelang stinksauer auf Peter gewesen. So etwas war typisch für ihn. Er konnte sehr manipulativ sein. „Ich möchte einfach mal meine Ruhe haben, das ist alles.“, sagte Sarah jetzt zu ihrer Mom. Die sah sie forschend an: „Ich kenne dich, Sarah. Da steckt mehr dahinter. Du hast diesen Hang zum Grübeln.“ Das machte Sarah wütend: „Ist es nicht klar, dass ich grüble, nach allem was passiert ist?“ Ihre Mom verstand erst nicht, doch dann machte es klick und sie wurde sichtlich blass: „Du meinst wegen Abigail? Das ist mehr als zehn Jahre her! Sie war meine Tochter und ich denk jeden Tag an sie, aber das kann nicht deine Ausrede dafür sein, dass du dich jetzt auf einmal hier verkriechst!“ Sarah atmete tief durch. Sie wollte ihre Mom mit der Erinnerung an den Tod von Abigail nicht aus der Fassung bringen. Ihre Mom hatte recht. Sie konnte Abigails Tod nicht vorschieben. Das wäre zu leicht. „Ich weiß doch auch nicht, Mom. Ich habe vielleicht einfach eine Midlife-Crisis.“ „Eine Midlife-Crisis!“ Ihre Mom lachte spöttisch. „Das wäre wohl eher was für mich!“ Sie setzte sich zu ihrer Tochter und nahm ihre Hand: „Aber du hast recht. Du hast eine anstrengende Zeit hinter Dir, mit all den Prüfungen, und bald geht Dein neuer Job los. Da kann man schon mal in ein Loch fallen. Ich bin ja nur froh, dass das nicht während deiner Prüfungen passiert ist…“ Sie strich ihr die Haare hinter das Ohr. „Komm her.“, Dann nahm sie ihre Tochter in die Arme. Sarah liebte den Duft des Parfums ihrer Mutter. Viel zu selten waren sie einander so nah.


Sarah vermisste Will. Als sie nachmittags am Strand entlang ging, hoffte sie, das Bellen von Jack zu hören, aber der Strand blieb leer. Sie erwischte sich dabei, dass sie am Abend aus dem Fenster zu seinem Haus sah. Warum hatte sie das als Kind nie getan? Es war dunkel im Haus der Turners. Will hatte getan, was er gesagt hatte: Er hatte das Strandhaus verlassen und war weggefahren. Sarah fühlte sich in diesem Augenblick einfach nur unglaublich einsam und verlassen. Sarah griff zum Telefon. Sie konnte nicht länger hier bleiben. Ihre Verliebtheit in Will – das war nichts anderes als ein simpler Schnupfen. Es würde vorbei gehen, je eher desto besser. Dann konnte sie in ihr altes Leben wieder zurückkehren. Sie setzte sich auf ihr Bett und rief Peter an: „Peter? Wann fliegst du? Ich möchte mit dir mitkommen.“

Sina Jasur
Sina Jasur
Ganz ehrlich? Mein Leben ist zu stressig! Ich bin mit einem Workaholic verheiratet, habe drei Kinder und will mich selbst verwirklichen. Ich schreibe, singe ab und zu in einer Band, engagiere mich in der Flüchtlingshilfe und versuche, nebenbei Geld zu verdienen, am liebsten mit den Dingen, für die ich brenne: Veganismus, Minimalismus und passives Einkommen. Mir macht es einfach Spaß, gesellschaftliche Konzepte zu hinterfragen und neue/alte, andere Wege auszuprobieren. Wenn es Euch auch so geht, ist dieser Blog genau das Richtige.