Liebesgeschichte Teil 20Sarah ist im Krankenhaus erwacht und hat mit ihren Eltern gesprochen.

Am nächsten Morgen kam Peter. Sie wollte ihn nicht sehen, aber er ließ sich nicht abwimmeln. Er hatte einen riesigen Blumenstrauß dabei. Sie blickte stur aus dem Fenster und er setzte sich auf einen Stuhl neben ihrem Bett. „Es tut mir leid, Sarah.“, sagte er geknickt und versuchte ihre Hand zu nehmen. Sie zog sie weg. „Ich war betrunken, ich…“ Sie sah Peter an: „Es ist aus! Versteh es doch. Es ist aus!“ Er verzog das Gesicht. Draußen waren laute Stimmen zu hören. War das ihre Mom? Sie klang aufgeregt. Peter erhob sich. „Ich sehe mal nach, was da los ist.“ Er verließ das Zimmer und ließ die Tür offen stehen. Sarah ahnte, wer draußen war. Sie hoffte es. Also hievte sie sich aus dem Bett, griff sich die Gehhilfe und versuchte irgendwie zur Tür zu gelangen. “Jetzt lass es doch endlich gut sein!”, hörte sie ihre Mutter. “Ich möchte einfach nur wissen, ob es ihr gut geht.” Das war Will! Ihr Herz machte einen Sprung. Sie hörte Peter spöttisch lachen. Oh, dieser Arsch. Sie musste zu ihnen gelangen. Sarah bewegte sich weiter mühevoll zur Tür. Ihr war schwindlig und das Zimmer drehte sich um sie. Doch sie gab nicht auf und lauschte weiter auf die Stimmen vor der Tür, während sie langsam einen Fuß vor den anderen setzte. „Sieh es endlich ein, Turner. Sie will dich nicht sehen. Nie mehr!“ Dieses Schwein! Peter log Will frech an. „Du brauchst niemandem was zu beweisen.“, fuhr Peter fort. Sarah klammerte sich am Türrahmen fest. Ihr wurde bewusst, wie lächerlich sie aussah, mit ihrem Krankenhauskittel und dem Gips. „Wegen der Kleinen damals.“ Doch Will unterbrach ihn. „Das mit Melissa war etwas Anderes. Damals habe ich nicht … gekämpft. Du hast sie dir genommen und ich habe sie dir überlassen, aber heute will ich kämpfen! Ich liebe Sarah!“ Um Sarah drehte sich alles. Er liebte sie! Sie schaute um die Ecke und da erblickte sie Will. Peter und ihre Mom standen mit dem Rücken zu ihr, aber Will sah sie direkt an. Er sah furchtbar aus – hatte einen Bart und wirre Haare. Dunkle Locken fielen ihm wild ins Gesicht und seine Haut war blass, die Augen gerötet. Sie wäre fast gestürzt, so sehr zitterten ihre Knie. Peter kam schnell zu ihr und hielt sie fest. Sarah blickte Will an. „Du brauchst nicht mehr zu kämpfen.“, sagte sie zu ihm. Peter entfuhr ein triumphierendes Lachen. Er hatte sie missverstanden, aber Will nicht. Er lächelte sie an und sein Lächeln hüllte sie ein, wie eine warme, weiche Wolke. Sie fiel wieder in Ohnmacht.


Zwei Tage später saß Sarah im Besucherraum und blickte aus dem Fenster. Ihre Mom war nach Hause gefahren. Sarah hatte sie darum gebeten. In ein paar Tagen würde sie entlassen werden. Will war nicht wieder aufgetaucht. „Ich habe ihn nach Hause geschickt. Er soll sich duschen und wiederkommen, wenn es dir besser geht.“, hatte ihre Mom gesagt. Sarah war überrascht, dass Mom auf einmal so freundlich von ihm sprach. „Er hat dir das Leben gerettet.“, erklärte sie. „Und er hat die ganze Zeit, in der du im Koma lagst, hier im Krankenhaus verbracht, obwohl wir ihn nicht zu dir gelassen haben. Immer wenn ich unten in der Cafeteria war, war er dort an seinem Tisch und hat gewartet, dass ich ihm etwas zu deinem Zustand sage.“ So hatte er also ihre Mom weich gekriegt, mit seinem Sturkopf. Sarah lächelte. Warum nur kam er nicht?
Peter hatte sich auch nicht mehr gemeldet. Er hatte es wohl endlich begriffen, hoffentlich. Im Grunde konnte sie Peter dankbar sein, dass er es ihr so leicht machte, ihn zu verlassen.
„Hi.“ Sie blickte auf. Er war da: Will! Sie konnte es kaum glauben. Er sah besser aus, hatte sich gewaschen und rasiert. „Tut mir leid, dass ich erst jetzt komme.“ Er setzte sich zu ihr. Die Haare fielen ihm ins Gesicht. Er war immer noch unglaublich süß! „Ich musste Jack holen. Er war bei einem Freund – die ganze Zeit, als…“ Er unterbrach sich und sah sie an: „Du siehst furchtbar aus!“ „Danke für die Blumen.“, sagte sie ernüchtert. Sie wusste, dass ihr Gesicht noch immer ziemlich zerbeult aussah. Will hatte nur eine kleine Platzwunde an der Schläfe, aber sie hatte es ordentlich erwischt. Der Airbag hatte nicht ausgelöst. Er beugte sich zu ihr und berührt sanft und vorsichtig ihr Gesicht. „Das wird wieder.“, flüsterte er und ihr wurde ganz heiß und kalt, als er ihr so nah war. Das zumindest hatte ihr Körper noch drauf.
„Wie ist es dir ergangen? Ich meine, die Bilder, die Peter dir gezeigt hat… Hattest du wieder Albträume?“ Sie sah ihm an, dass er nicht darüber sprechen wollte. „Ich habe nicht sehr viel geschlafen, in letzter Zeit.“ „Das ist nicht gut, Will.“, tadelte sie ihn. Er blickte sie an. „Mach dir keine Sorgen um mich“ Er atmete tief aus. „Ich habe noch jemanden mitgebracht. Er wartet draußen.“ Sarah ahnte, wen Will meinte. „Er kann es kaum erwarten, dich wieder zu sehen…“ Sarah ließ sich widerstandslos von ihm aufhelfen. Er verfrachtete sie in einen Rollstuhl und legte ihr fürsorglich eine Decke über die Knie. Sarah musste lachen.“ Ich komme mir vor, wie deine Oma.“ „Ja, du siehst auch ein bisschen wie sie aus.“, witzelte er. Es tat gut, ihn so gut gelaunt zu sehen. Tatsächlich wartete Jack angeleint draußen vor dem Krankenhaus. Er bellte freudig als er sie kommen sah und wedelte mit dem Schwanz. „Jack, Jack, mein guter.“ Will fuhr Sarah zu ihm und Jack legte seinen Kopf in ihren Schoss und sah sie mit seinen Hundeaugen an. Sie strich ihm über das Fell und wäre fast wieder in Tränen ausgebrochen. Will legte ihr seine warme Hand in den Nacken. Dann fuhr er sie schweigend in den Krankenhauspark. Dort war ein kleiner Teich und Jack versuchte die Enten zu fangen. Sarah genoss Wills Nähe. Sie musste nicht mit ihm reden. Sie musste nur wissen, dass er da war. Eine Weile schwiegen sie und blickten auf den See. „Ich hätte dich nie in diesem Zustand fahren lassen dürfen.“, sagte er schließlich und sah sie an. „Ich hätte dich niemals so anschreien dürfen.“ Seine Stimme klang gebrochen. Sie versuchte zu ihm aufzublicken, doch ihr Hals war immer noch so steif. Also schwieg sie. „Ich war so sicher, dass es das Beste für dich ist, wenn du mich einfach vergisst… und dann lagst du plötzlich vor mir auf der Straße…“ Sie nahm seine Hand und zog ihn zu sich. Er ging vor ihr in die Hocke und sagte: „Ich war so ein Idiot! Ich war mir so sicher, dass Peter recht hatte. Dass ich dein Leben zerstöre, dass du es nicht lange mit mir aushalten wirst, dass du es bereuen wirst, mit mir zusammen zu sein… “ „Will, du trägst so viel Schmerz in dir und trotzdem gibst du mir Halt. Wenn ich bei dir bin, dann fühle ich mich zu Hause. Wenn du mich nicht gerade anschreist und versuchst, mich aus dem Auto zu schmeißen…“ Sie hoffte auf ein Lächeln von ihm, aber er senkte den Blick. Dabei hatte sie ihm den Streit längst verziehen. Sie betrachtete seine Hände in ihrem Schoss. „Ich.. ich bemitleide dich nicht, Will. Ich…“ Sie zögerte. Er sah sie an. Seine Augen waren heute von einem so intensiven Blau, wie das Wasser am Strandhaus. Sie berührte seine Wange. „Ich weiß, dass es nicht leicht ist, aber…“, flüsterte sie stockend. „Ich liebe dich.“ Sie sahen sich an und für einen Moment fürchtete sie, das würde nicht genügen, um ihm klarzumachen, dass sie gewillt war, das Risiko einzugehen. Doch dann küsste er sie endlich und sie spürte all die Wärme in sich aufsteigen. Er zog sie in seine Arme und hielt sie fest. Es war als wollten sie sich nie wieder voneinander lösen und Sarah genoss es, im so nah zu sein. Dann berührte seine Stirn die ihre. Wie sie das vermisst hatte. „Will, wir haben Zeit, oder nicht?“, sagte sie. Er nickte. „Bitte schick mich nie wieder weg…“, flüsterte sie.


Will schloss die Tür zum Strandhaus ab. Jack rannte bellend zwischen ihnen hin und her. Er ahnte wohl, dass ein großer Aufbruch bevorstand. Will packte noch eine Kiste ins Auto, dann öffnete er die Tür zum Rücksitz und rief Jack. Ein Wagen kam die Einfahrt hoch. Sarah erkannte ihre Mom. Sie stöhnte auf. Was sollte das jetzt werden, ein letzter Versuch, sie umzustimmen? Will kam zu ihr. „Deine Mom?“ Sarah nickte. Tatsächlich stieg ihre Mutter aus dem Auto. „Hallo, Sarah“ Sie sah Will an. „Will.“ Will drückte Sarah ermutigend an sich. „Ich lass euch mal lieber allein.“, sagte er und rief Jack zu sich. Sie liefen Richtung Strand um das Haus herum.
„Mom, was machst du hier?“ Ihre Mutter lächelte. Sie war wie immer perfekt gekleidet. „Keine Sorge, Kind. Ich will dir nur alles Gute wünschen.“ Ihre Mutter nahm sie in die Arme und Sarah ließ es geschehen. „Ich hoffe, ihr seid nicht allzu lange weg.“ „Mom, ich bin doch nicht aus der Welt.“ Ihre Mutter konnte ein Schniefen nicht unterdrücken. „Ich hab versucht deinen Dad zu überreden mitzukommen.“ Sarah winkte ab: „Ich weiß, er ist immer noch sauer, wegen dem Job in der Kanzlei.“ Sarahs Mom lachte: „Er kann einfach nicht verstehen, wie du jetzt so eine 180-Grad-Kehrtwende hinlegen kannst.“ Auch Sarah musste lachen. Da war was Wahres dran. Vor ein paar Wochen noch war sie auf dem besten Wege, eine Top-Anwältin zu werden und nun würde sie mit Will in seinem Pick-Up durch das Land reisen. Sie hatte alles verkauft, was nicht niet- und nagelfest war: ihren Wagen, den Großteil ihrer teuren Klamotten… Eine Wohnung besaß sie sowieso nicht mehr. „Hat er mit dir gesprochen?“, Sarah musste diese Geschichte endlich aus der Welt schaffen. „Du meinst über seine Frauengeschichten?“ Sarah nickte stumm. Ihre Mutter blickte in Richtung Ozean. „Ja, er hat mir von seiner Liebelei erzählt. Ich war nicht überrascht.“ Trotzdem sah Sarah den Schmerz in den Augen ihrer Mutter. Und gerade jetzt ließ sie Mom allein. „Mom, ich …“ Doch ihre Mutter unterbrach sie: „Kümmere dich nicht um uns, Kind. Wir sind erwachsen. Wir kommen klar.“ Sie drückte Sarahs Hände voller Zuversicht, dann sah sie ihre Tochter an. „Wenn du etwas brauchst, Sarah…“ Ihre Mom sah besorgt aus. „Ich werde zurechtkommen, Mom. Es wird ja nicht für immer sein. Wir nehmen uns einfach die Zeit…“ Sarah wollte sich selbst finden. Das konnte sie nicht, wenn sie unter dem Einfluss ihrer Eltern stand. Sie wollte sich emanzipieren. Wenn das hieß, dass sie unterwegs jobben musste, um sich und Will die nächsten Übernachtungen zu sichern, war das ok. Es war ein Abenteuer. Und sie war ja nicht allein.
Ihre Mom drückte sie noch einmal ganz fest, dann ging sie wieder zu ihrem Wagen und fuhr davon.
„Glaubst du, wir machen einen Fehler?“ Will stand hinter ihr und sah sie an. Sie zuckte freimütig mit den Schultern. Wer wusste das schon. Sie fühlte sich auf einmal unheimlich befreit. Jack lief bellend zum Wagen und sprang auf die Rücksitzbank, um seinen angestammten Platz einzunehmen. Er wollte los. „Wir haben doch Jack!“, sagte Sarah fröhlich. Will lachte, zog sie an sich und küsste sie.

Sina Jasur
Sina Jasur
Ganz ehrlich? Mein Leben ist zu stressig! Ich bin mit einem Workaholic verheiratet, habe drei Kinder und will mich selbst verwirklichen. Ich schreibe, singe ab und zu in einer Band, engagiere mich in der Flüchtlingshilfe und versuche, nebenbei Geld zu verdienen, am liebsten mit den Dingen, für die ich brenne: Veganismus, Minimalismus und passives Einkommen. Mir macht es einfach Spaß, gesellschaftliche Konzepte zu hinterfragen und neue/alte, andere Wege auszuprobieren. Wenn es Euch auch so geht, ist dieser Blog genau das Richtige.