Liebesgeschichte Teil 19Sarah und Will hatten einen Autounfall. Sarah hat das Bewusstsein verloren.

Bilder zogen an ihr vorbei. Erinnerungen an Abigail. Dumpfe Schmerzen. Ärzte, die sich über sie beugten. Eine Operationslampe. Sie steckten ihr einen Schlauch in den Hals. Will. Sie dachte an Will und konnte doch sein Gesicht nicht halten. Sie hatte das Gefühl zu ertrinken und wurde in die Tiefe gezogen, immer weiter und weiter. Abigail tauchte auf. Wie jung sie war! Und dann wieder der Gedanke an Will. Sie hörte Jack bellen. Sie musste aufpassen, dass Will nicht wieder schlafwandelte!


Sarah erwachte schwer atmend, schwach, mit Kopfschmerzen und trotzdem klar im Kopf. Sie blickte sich um. Sie war im Krankenhaus. Ihre Mom saß am Bett und streichelte ihre Hand. Sie sah furchtbar aus, als hätte sie viel geweint und nicht geschlafen. „Mom.“ Sarah konnte kaum sprechen. Sie hustete. Ihre Mutter blickte auf. „Kind. Sarah! Oh Gott, bin ich froh, dass du wieder da bist.“ „Ich habe Durst.“ Ihr Mutter sprang auf, um ihr etwas Wasser zu reichen. Sie half ihr, etwas zu trinken. Sarah hatte das Gefühl, ihren Körper nicht unter Kontrolle zu haben. Für einen kurzen Moment hatte sie Panik und glaubte sich gefangen in einem gelähmten Körper, doch dann bewegte sie vorsichtig, die Zehen an ihren Füßen und dann ihre Arme. Sie atmete erleichtert aus. Alles schien in Ordnung zu sein. „Was ist passiert?“, fragte sie ihre Mutter. „Woran erinnerst du dich denn, Kleines?“ „Will…“ Ihre Stimme war nur ein Krächzen. Das Gesicht ihrer Mutter verfinsterte sich. Das Zimmer in dem sie lag war hell und weiß. Die Sonne schien durch die Fenster. Blumen standen auf ihrem Nachttisch. “Wo ist Will?” Ihre Mutter seufzte und schüttelte den Kopf. “Jetzt lass es gut sein!” “Ich will ihn sehen!”, protestierte Sarah. “Du bist noch nicht soweit, Sarah.”, beschwichtigte ihre Mutter sie. “Mom! Bitte!” „Sarah, dein Bein ist gebrochen.“ Sarah blickte auf den Gips an ihrem linken Unterschenkel. “Und du hattest innere Blutungen. Du lagst im Koma, Sarah.” “Wie lange?” “Drei Tage!” Plötzlich brach ihre Mutter in Tränen aus. “Ich weiß nicht, ob ich es verkraftet hätte, wenn du…” “Mom, Mom!” Sarah wollte ihre Mom beruhigen, doch ihre Kehle war immer noch trocken. “Ich bin hier. Ich bin nicht tot!” Ihre Mutter versuchte sichtlich, sich zusammenzureißen. Sie wischte sich die Tränen fort und griff nach ihrer Handtasche, um ein Taschentuch herauszunehmen.


Leise öffnete sich die Tür und ihr Vater kam herein. Ihren Vater zu sehen, darauf war Sarah nicht vorbereitet, aber sie musste endlich mit ihm sprechen! Schließlich hatte die Tatsache, dass Sarah ihn mit einer anderen Frau gesehen hatte, die ganzen folgenden Ereignisse erst ausgelöst. Ihre widerstreitenden Gefühle, ihre Zweifel an ihren Plänen mit Peter, ihre Flucht ins Strandhaus und das Zusammentreffen mit Will. „Dad, können wir unter vier Augen reden?”, sagte sie mit krächzender Stimme. “Sarah? Was ist los?” Ihre Mom war verwirrt. “Vielleicht holst du uns einen Kaffee aus der Cafeteria?”, bat ihr Vater seine Frau. Ihre Mutter hörte auf ihn und verließ das Zimmer.


„Du bist verliebt. Das ist alles! Es wird vorbei gehen!“ Ihr Vater sah müde aus und erschreckend alt. „War es so bei dir und Mom? Dass es vorbei gegangen ist?“ Sarah nahm noch einen Schluck Wasser. Sie hatte einen furchtbaren Durst, musste völlig ausgetrocknet sein, aber ihre Kehle schmerzte beim Schlucken unheimlich. Ihr Vater seufzte und setzte sich zu ihr ans Bett. „Es war der Tod deiner Schwester. Als sie starb, starb auch unsere Ehe.“ „Ach, Dad!“, Sarah wollte protestieren. Sie konnte das nicht glauben. Doch ihr Vater fuhr fort: „Deine Mutter und ich, wir konnten nicht mehr in einem Raum sein, ohne an den schmerzlichen Verlust unserer Tochter zu denken…“ Die Falten im Gesicht ihres Vaters wurden tiefer und für einen Moment sank Richter Graham in sich zusammen. Abigails plötzlicher und unerwarteter Tod tat ihm nach all den Jahren immer noch weh. „Es tut mir leid, Dad!“ Sarah spürte Tränen in ihren Augen. Ihr Vater stand auf und lief im Zimmer umher. „Ach, es ist so lange her! Ich habe es satt, mich für alles verantwortlich zu fühlen!“ Er schwang die Arme in die Luft, als würde ihn das Ganze ziemlich aufregen. „Aber warum kannst du dann nicht verstehen, dass ich meinen eigenen Weg gehen will? „, fragte Sarah. Ihr Vater blieb stehen und stützte sich auf das Geländer ihres Krankenhausbettes:  „Aus ganz rationalen Gründen – du hast wie viele Jahre studiert? Wie viel Geld haben wir in deine Karriere gesteckt? Und jetzt willst du das alles hinschmeißen für einen dahergelaufenen… Verrückten? Peter ist der richtige Mann an deiner Seite: er kann dich fördern. Er kennt die richtigen Leute.“ Sarah konnte es nicht fassen: „Dad, Peter soll mein Mann werden und nicht mein Business-Partner oder Mentor!“ „Mit Peter wirst du es zu etwas bringen, mit diesem…“ Doch Sarah unterbrach ihren Vater: „Du meinst so wie Mom? Die alles aufgegeben hat für die Familie? Was hat sie denn jetzt noch? Ihr Ansehen in der Nachbarschaft und hinter ihrem Rücken tuscheln die Leute über deine Affäre, Dad! Willst du, dass ich so ende wie Mom?“ Ihr Vater stöhnte auf. „Kind, so ist das Leben! Finde dich damit ab, verdammt noch mal!“ Sarah hörte ihren Vater selten fluchen. Die Sache brachte ihn einfach auf die Palme. „Nein, Dad, ich habe es satt, eine Lüge zu leben. Ich möchte, dass du mit Mom sprichst und dich gefälligst darum kümmerst, deine eigenen Angelegenheiten ins Reine zu bringen.“ Ihr Vater sah sie an, setzte sich dann wieder auf den Stuhl an ihrem Bett und nahm ihre Hand: „Kind, überlass‘ das uns.“ Doch Sarah ließ sich nicht abwimmeln: „Nein, Dad! Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass du Mom ihr Glück verwehrst? Sie hält die ganze Zeit treu zu dir. Sie würde niemals zu einem anderen Mann gehen, weil sie…“ Sarah suchte nach Worten. „Weil sie es nicht für richtig hält. Wenn du sie nicht anrührst, lebt sie wie eine Nonne! Du zwingst sie in die Einsamkeit!“ Ihr Vater sah nachdenklich aus. Vielleicht hatte sie ihm gerade etwas bewusst gemacht. Sarah blickte auf und sah ihre Mutter in der Tür stehen. Wie viel hatte sie von ihrem Gespräch gehört? Ihr Vater ließ nicht locker: „Ich erwarte trotzdem von dir, dass du Peter nicht so einfach aufgibst.“ Er blickte zu ihrer Mutter: „Ich rede mit deiner Mutter und du mit Peter, einverstanden?“ Sarah stöhnte auf. Das hatte ihr noch gefehlt: eine Begegnung mit Peter. Sie schloss für einen Moment die Augen. Wie lange war sie schon wach? Eine halbe Stunde und schon redeten sie wieder auf sie ein… „Dad, weißt du eigentlich, was du von mir verlangst? Ich empfinde nichts mehr für Peter.“ Sie dachte daran, wie er mit Will umgegangen war. „Nur Abscheu…“ „Sarah, wenn du es zu etwas bringen willst, musst du aufhören, so naiv zu sein – ein toller Abschluss wird nicht reichen. Was glaubst du, warum Peter und ich dich zu all den Dinners und Partys geschleift haben, zum Vergnügen? Wenn du es bis nach oben schaffen willst, brauchst du Beziehungen und Trümpfe in der Hand.“ „Dad! Ich will nicht bis nach oben. Ich will nicht so sein wie du! Ich will das alles überhaupt nicht! Abigail hätte es vielleicht gewollt, aber ich…“ Ihre Mom trat hinter ihren Vater und legte ihm die Hände auf die Schultern. „Lass Sarah Zeit.“, sagte sie. Ihr Dad stand auf: „Sarah, du brauchst Ruhe. Ich höre das alles das erste Mal von dir. Du hast nie etwas dagegen gehabt, im Mittelpunkt zu stehen, oder nicht?“ Sarah sagte kein Wort mehr. Sie wollte ihren Vater jetzt nicht mehr ansehen und blickte lieber aus dem Fenster. Die Bäume waren grün. Wie schnell die Zeit vergangen war. War dieser ganze Schlamassel ihre Schuld? Peter und ihr Vater waren so davon überzeugt, dass sie all das wollte: aber warum auch nicht? Sie hatte nie etwas gesagt, dass ihnen gezeigt hätte, dass sie etwas anders machen möchte. Sie hatte immer brav mitgespielt. Wie konnten sie auch ahnen, dass sie es nur getan hatte, um ihrem Dad zu gefallen, um ihm nicht weh zu tun, um Mom nicht weh zu tun. Ihr Vater zuckte mit den Schultern und ging zur Tür. „Ich komme morgen wieder, um nach dir sehen… ich bin sicher, dass du wieder zur Vernunft kommen wirst.“ Dann schloss er die Tür.


Sarah ließ sich in die Kissen sinken und starrte zur Decke. Sie musste endlich einen Befreiungsschlag ausüben, ob mit oder ohne Will. Sie musste sich von ihren selbst angelegten Fesseln befreien: jetzt! Sie würde die Menschen verletzen, die sie liebte, aber sie musste endlich einmal egoistisch handeln. Es blieb ihr keine andere Wahl. Für Will war sie wahrscheinlich nur eine Ablenkung gewesen, ein Heilmittel. Warum sonst hatte er sie so schnell und abrupt aufgegeben. Sarah schluckte bei dem Gedanken daran, wie er sie im Auto angeschrien hatte. Sie brauchte ihn nicht. Sie brauchte Will nicht, ihren Vater auch nicht und schon gar nicht Peter! Sollten sie ihr doch alle gestohlen bleiben.


Den Rest des Tages döste sie. Essen wollte Sarah nichts. Sie hatte keinen Hunger. Ihre Gedanken glitten zu Will und allem, was er ihr ihm Auto gesagt hatte. Tränen liefen ihr über die Wangen. Hatte er sie tatsächlich verlassen? Wo war er nur? Ihre Mom wich nicht von ihrer Seite. Zwischendurch kam ein Arzt nach ihr sehen, begutachtete einen Verband an ihrem Bauch. Sie selbst hatte ihn noch gar nicht bemerkt. „Alles sieht gut aus, junge Dame.“, sagte ihr der freundliche Mann. „Wenn sie wollen, können sie jetzt duschen und zur Toilette gehen, aber bitte immer mit Begleitung!“ Sie nickte. „Gut, dass sie der junge Mann gleich vor Ort zusammen geflickt hat…“, sagte der Arzt. Sarah stutzte. Wen meinte er. Will? „Sonst wären sie vermutlich spätestens im Krankenwagen verblutet.“ Will hatte ihr das Leben gerettet?!

Sina Jasur
Sina Jasur
Ganz ehrlich? Mein Leben ist zu stressig! Ich bin mit einem Workaholic verheiratet, habe drei Kinder und will mich selbst verwirklichen. Ich schreibe, singe ab und zu in einer Band, engagiere mich in der Flüchtlingshilfe und versuche, nebenbei Geld zu verdienen, am liebsten mit den Dingen, für die ich brenne: Veganismus, Minimalismus und passives Einkommen. Mir macht es einfach Spaß, gesellschaftliche Konzepte zu hinterfragen und neue/alte, andere Wege auszuprobieren. Wenn es Euch auch so geht, ist dieser Blog genau das Richtige.