Liebesgeschichte Teil 16

Sarah und Will haben sich ins Strandhaus zurückgezogen, aber dann bekommt Sarah einen Anruf.

Sie waren in diesen Tagen allein und niemand kam, um sie zu stören. Bis Sarahs Telefon klingelte. Es war ihre Mom. Sarah ging ran, aus Angst, dass sie sonst wieder ungefragt zum Beach kommen würde. „Sag mal, wo steckst du eigentlich? In der Kanzlei haben sie gesagt, du bist krank, doch zu Hause habe ich dich auch schon seit Tagen nicht angetroffen…“ Der Vorwurf war deutlich herauszuhören. „Mom, ich…“ Was sollte sie ihr sagen? Aber ihre Mutter nahm ihr das ab: „Bist du etwa tatsächlich mit diesem Will zusammen? Stimmen die Gerüchte?“ Sarah stöhnte auf. Konnten die Leute sie nicht einfach in Ruhe lassen? Sie wollte mit ihrer Mutter nicht darüber reden. Sie ging mit dem Telefon nach oben, damit Will nichts von dem Gespräch mitbekam. Er war auf der Couch eingeschlafen.


„Sarah! Ich verstehe nicht, was mit dir los ist!“ Ihre Mom fackelte nicht lange. „Mom, es ist mein Leben!“, stellte Sarah klar. Das akzeptierte ihre Mutter nicht: „Du bist gerade dabei dein Leben zu zerstören, alles, was du erreicht hast! Was glaubst du, was die Leute von dir halten werden, wenn du Peter verlässt? Das wird eine Schlammschlacht! Peter ist nicht irgend jemand. Er hat sich einen Namen gemacht! Du zerstörst seine Reputation für diesen, diesen…“ „Was erwartest du von mir, dass ich mit ihm zusammen bleibe, um seine Reputation zu schützen? Damit er seine politische Karriere weiter verfolgen kann? Ihn heirate, obwohl ich ihn nicht liebe?“ „Ach, was ist schon Liebe!“, wehrte ihre Mutter ab. Sarah schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht fassen: „Bist du besorgt um mich oder dein Ansehen bei deinen Freunden, Mom?“ Sarah hörte wie ihre Mom spürbar die Luft einsog. Das hatte wohl gesessen. Also sagte sie etwas ruhiger: „Peter wird es auch ohne mich in der Politik zu was bringen!“ Davon war Sarah überzeugt. „Ja, natürlich! Aber du weißt, deinem Vater ist Peters Karriere sehr wichtig. Er hat ihn aufgebaut, viele Leute unterstützen Peter nur aufgrund der ausgezeichneten Beziehungen deines Vaters…“ Sarah zuckte mit den Schultern: „Vater kann ihn doch weiterhin unterstützen…“, warf sie müde ein. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, wollte Peters Karriere nicht zerstören. Ihre Mutter fuhr ungerührt fort: „Und dann arbeitet er auch noch mit Alexander Turner so eng zusammen. Wie soll das gehen, wenn du mit seinem Bruder… Du weißt schon.“ „Ich schlafe mit ihm, weil ich gern mit ihm zusammen bin. Er ist ein guter Mensch!“, sagte Sarah. „Er ist ein Fall für den Psychiater! Hängt dort in diesem Strandhaus rum, vermutlich auf Kosten seiner Familie! Wie soll er euch ernähren? Du brauchst Geld zum Leben. Du willst einmal Kinder haben. Wie soll das mit so einem Mann…“ Sarah lachte auf: „Jetzt übertreibst du, Mom. Ich kenne Will doch erst ein paar Tage, vielleicht Wochen!“ „Du schmeißt gerade deine glänzende Zukunft aus dem Fenster!“, rief ihre Mutter aus. Sie schien verzweifelt. „Nein, Mom!“, sagte Sarah bestimmt. „Wenn ich über eins sicher bin, dann, dass es richtig ist, Peter zu verlassen! Ich möchte dieses Leben nicht weiter führen! Selbst wenn aus Will und mir nichts wird, werde ich nicht wieder mit Peter zusammen kommen.“ Sie spürte Trotz in sich aufsteigen. Ihre Mutter schwieg einen Moment und sagte dann: „Ich mache mir Sorgen um dich, Sarah. Wir waren nie mit dir… nach Abigails Tod… du hast immer so gewirkt, dass dir das alles nichts ausmacht, du hast nie geweint…“ Was sollte das jetzt? Abigail, der Unfall – das hatte überhaupt nichts mit ihrer jetzigen Lebenssituation zu tun. Im Gegenteil, Sarah hatte das Gefühl, dass sie erst jetzt wieder lernte, auf sich selbst zu hören und nicht mehr nur das zu tun, was andere von ihr erwarteten. „Mom! Glaubst du nicht, dass ich es schaffe, für mich selbst zu sorgen?“ „Darf ich dich daran erinnern, wem du deinen Job in der Kanzlei zu verdanken hast?“, sagte ihre Mutter. „Ich brauche diesen einen Job nicht – es wird andere geben…“, antwortete Sarah. „Du führst dich auf wie ein bockiges kleines Kind.“ Ihre Mom klang wütend. „Vielleicht tue ich das, weil ich als Kind keine Gelegenheit hatte bockig zu sein.“, erwiderte Sarah. „Was soll das wieder heißen?“ Sarah seufzte: „Seit Abigails Tod habe ich mich zusammengerissen, habe ich immer gemacht, was ihr verlangt habt.“ Sarah war das bis eben selbst nicht klar gewesen. Es erleichterte sie, das auszusprechen. „Was wir verlangt haben?“, erwiderte ihre Mutter. „Wir haben dich nie zu etwas gezwungen!“ Ihre Mutter schien fassungslos. „Du kannst nicht uns für dein Verhalten verantwortlich machen, Sarah!“ Sarah schüttelte den Kopf. „Nein das kann ich nicht – deshalb werde ich ab jetzt selbst Verantwortung für mein Leben übernehmen – genau darum geht es mir ja!“ Ihre Mutter seufzte. „Also gut! Tu, was du tun musst, aber glaube ja nicht, dass das einfach wird! Ich hoffe immer noch, dass du zur Vernunft kommst und zwar bald!“ Dann legte sie auf und ließ eine verunsicherte Sarah zurück. War es vernünftig mit Will zusammen zu sein? Sicher nicht! Seit jener Nacht, schlief sie schlecht, aus Angst, Will würde wieder einen Albtraum haben oder schlafwandeln. Sie beobachtete ihn manchmal im Schlaf. Sehr oft begann er plötzlich, sich hin und her zu werfen und zu schwitzen. Sie wusste nicht, ob sie ihn in solchen Momenten wecken sollte. Dann strich sie ihm einfach über die feuchte Stirn und flüsterte seinen Namen und er beruhigte sich wieder. Sein Atem ging gleichmäßiger und sie konnte sich beruhigt an ihn schmiegen. Es war ihr gerade in diesen Momenten klar wie nie, dass sie bei ihm sein wollte, egal, was er gerade durchmachte. Doch war nicht gerade das ein Fehler, den sie zum zweiten Mal beging? Erst hatte sie ein Leben geführt, dass ihren Eltern gefiel und nun begann sie, ihr Leben nach Will auszurichten, um für ihn da zu sein. Vergaß sie dabei vielleicht wieder ihre eigenen Bedürfnisse? Was wollte Sarah Graham? Sie hatte keine Ahnung.


„Ich bin in einer Sackgasse gelandet!“, sagte Sarah als sie später mit Will und Jack am Strand war. Will sah sie verwundert an. „Bin ich Teil dieser Sackgasse?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. Du scheinst… Du bist ein Lichtblick, ein Ausweg.“ Will hob einen Stein auf und schleuderte ihn ins Wasser. Sarah fühlte sich auf einmal als zog es ihr die Lunge zusammen und sie bekam keine Luft mehr. Sie streifte ihre Schuhe ab und lief mit nackten Füßen ins kalte Wasser. Das war schon besser. Will ließ sich am Ufer nieder und beobachtete sie. Jack lag neben ihm. „Willst du deinen Job in dieser Kanzlei aufgeben?“ Diese Frage überraschte sie. Ja, aber genau das war der Punkt. „Ich weiß es nicht, Will.“ Sie spritze mit ihrem rechten Fuß etwas Wasser in seine Richtung. „Ich habe das Gefühl, ich weiß überhaupt nicht, wer ich bin. Es ist als hätten meine Eltern und Peter mich geformt aus Knete, oder sowas.“ Will lächelte. „Knete?…“ Wieder warf er einen Stein ins Wasser. „Was ist mit dir?“, fragte Sarah. „Wie lange willst du hier im Strandhaus bleiben? Was hast du vor?“ Er antwortete ihr nicht. Sarah ging zu ihm und ließ sich zwischen seinen Beinen nieder, um ihn zu küssen. Er erwiderte ihren Kuss und ließ seine warmen Lippen an ihrem Hals hinab wandern. Jack bellte, aber das stoppte sie nicht. Ihre Hand fuhr unter sein Hemd. Sie spürte seine Erregung. Doch sie wollte es wissen: „Was sind deine Pläne, Will Turner!“, fragte sie und schob ihn von sich weg. Er sah ihr tief in die Augen, antwortete ihr aber immer noch nicht. Sie strich ihm mit dem Finger über die Lippen. Sie waren leicht geschwungen. Sie liebte seinen Mund. Er versuchte sie wieder zu küssen, doch sie hielt ihn auf Abstand. Er gab auf: „Ehrlich gesagt, habe ich schon länger Pläne.“ Das überraschte Sarah. „Ich habe etwas Geld von der Versicherung, wegen meiner…Situation. Ich wollte für einige Zeit durch das Land reisen, zeichnen, fotografieren, schreiben, herausfinden, was ich kann, wie viele Leute ich ertrage und was nicht…“ „Du wolltest?“, hakte Sarah nach. „Dann bist du auf einmal hier aufgetaucht.“, sagte er. „Oh!“ War er etwa wegen ihr hiergeblieben? „Was sagt dein Therapeut dazu?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich bin soweit – er kann momentan nicht viel mehr für mich tun.“ Er griff nach ihr, warf sie rücklings in den Sand und vergrub sein Gesicht an ihrem Hals, so dass sie kichern musste. Dann blickte er sie an: „Wir könnten zusammen verschwinden. Du und ich und Jack…“ Das war ein sehr verlockender Gedanke.


Sie musste mit Peter sprechen. Er hatte ihr eine Nachricht geschrieben, dass er bereits wieder aus Washington zurück war und er sie sehen wollte. Es hätte sie nicht gewundert, wenn ihre Mom ihn zur Rückkehr bewogen hätte. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil die Situation mit Peter nicht eindeutig geklärt war, nicht für ihn, nicht für Will. Sie beneidete beide. Sie hatten eine Gemeinsamkeit: sie schienen zu wissen, was sie wollten. Nur Sarah war wie ein leeres Blatt. „Du musst aufhören, so viel über alles nachzudenken.“, hatte Will gesagt. „Du musst zur Ruhe kommen, dann wirst du automatisch spüren, was du willst.“ „Spricht da dein Therapeut aus dir?“, hatte sie ihn geneckt, aber an Wills Worten war was dran. Genau dem war sie immer ausgewichen: zur Ruhe zu kommen. Sarah hatte sich ins Studium gestürzt, ohne sich zu fragen, ob sie es tatsächlich wollte, sie hatte es einfach getan, weil es ihre Eltern freute. Sie hetzte von Prüfung zu Prüfung, ohne sich je zu fragen, ob sie überhaupt Anwältin sein wollte. Es war einfach so selbstverständlich, weil ihr Vater Richter war und Peter ebenfalls als Anwalt arbeitete. Sie hatten sie immer gefördert und das Lernen war ihr relativ leicht gefallen. Aber wenn sie darüber nachdachte, hatte sie nie diese Leidenschaft empfunden, wie sie Peter anzumerken war. Peter konnte sich in Fälle verbeißen. Er hatte sich Nächte um die Ohren geschlagen, um einen Fall zu gewinnen. Sarah hatte das immer an ihm bewundert – diese Hartnäckigkeit. Als sie die Zusage für den Job in der Kanzlei erhalten hatte, hatte sie sich gefreut, ja, aber eher weil es ein persönlicher Erfolg war, nicht, weil sie nun weiter ihren Traum leben konnte. Ihr Traum, was zum Teufel war ihr Traum? Sie wanderte mit den Gedanken zurück, immer weiter in die Vergangenheit, dabei wusste sie längst, wo der Ausgangspunkt für ihre heutigen Probleme lag: im Autounfall, den sie zusammen mit ihrer Schwester Abigail gehabt hatte. Nach dem Tod von Abigail wollte Sarah alles tun, damit ihre Eltern wieder glücklich sein konnten. Sie wollte das perfekte Kind sein und hatte unbewusst ihre eigenen Wünsche tief vergraben, so dass sie jetzt keinen Schimmer mehr hatte, was sie selbst für sich wollte.
„Ich werde in die Stadt fahren, um mich mit Peter zu treffen.“, erklärte Sarah. „Du willst ihn sehen?“ Will sah nicht glücklich aus. Sie nahm seine Hand: „Es gibt noch einiges zwischen uns zu klären. Ich möchte einen richtigen Schlussstrich ziehen.“ Will nickte und kraulte Jacks Fell, wie um sich daran festzuhalten. „Ich mache mir Sorgen.“, sagte er „Warum?“ „Ich habe Angst, dass du zu ihm zurückkehrst.“ Nein, das würde sie gewiss nicht tun. „Will! Vertrau mir!“ Er nickte und ließ sie gehen.

Sina Jasur
Sina Jasur
Ganz ehrlich? Mein Leben ist zu stressig! Ich bin mit einem Workaholic verheiratet, habe drei Kinder und will mich selbst verwirklichen. Ich schreibe, singe ab und zu in einer Band, engagiere mich in der Flüchtlingshilfe und versuche, nebenbei Geld zu verdienen, am liebsten mit den Dingen, für die ich brenne: Veganismus, Minimalismus und passives Einkommen. Mir macht es einfach Spaß, gesellschaftliche Konzepte zu hinterfragen und neue/alte, andere Wege auszuprobieren. Wenn es Euch auch so geht, ist dieser Blog genau das Richtige.