Liebesgeschichte Teil 15

Peter hat Sarah ein überraschendes Angebot gemacht. Alexander warnt sie davor, eine Beziehung mit Will einzugehen.

Sie verbrachten die nächsten Tage zusammen. Sarah sah Will beim Zeichnen zu, beim Lesen. Sie selbst las nichts. Sie wollte einfach nur Stille in ihrem Kopf. Sie saßen in eine Decke gehüllt auf der Veranda und blickten auf den Ozean. Sie liefen mit Jack am Strand entlang und ließen sich in den Sand fallen. Sarah hatte ihr Handy auf lautlos gestellt. Sie genoss es, an nichts Anderes zu denken, als mit Will zusammen zu sein – ihn zu spüren, zu schmecken, sich in der Nacht an seinen warmen Körper zu schmiegen, den Geruch seiner Haut tief einzuatmen, wenn er sie liebte. Er war ein angenehmer Liebhaber, sanft und stark zugleich. Es gab immer wieder Momente, in denen sie es schaffte, Will ein Lächeln zu entlocken: Wenn er beim Liebesspiel den verdammten Pullover nicht über ihren Kopf ziehen konnte, wenn sie am Strand vom stürmischen Jack einfach umgeschmissen wurde oder Will ihr androhte, sie in die Fluten zu werfen und sie sich schreiend an ihn klammerte. Doch es gab auch Momente, in denen sie nur zu gut verstand, warum Will sich in dieses Strandhaus zurückgezogen hatte. Immer wieder berührte sie seine furchtbare Narbe. Sie konnte gar nicht anders. Sie wirkte wie ein Fremdkörper auf seiner sonst so glatten Haut. Sie fragte Will nicht, woher er sie hatte. Er würde darüber sprechen, wenn er bereit war, oder nicht?


Sie wachte in der Nacht auf, weil sie Jack bellen hörte. Sie tastete nach Will, aber der Platz neben ihr war leer. Sie spürte, dass die Bettlaken feucht waren, an der Stelle, wo er gelegen hatte. Er hatte geschwitzt. Das beunruhigte Sarah. Die Nächte waren kühl und wenn Will der Schweiß ausbrach war es kein gutes Zeichen. Wieder bellte Jack. Er musste unten sein. Sarah stand auf und ging die Treppe runter. Jack stand vor der geschlossenen Verandatür und winselte. Er wollte offensichtlich nach draußen. Aber es war mitten in der Nacht! Der Mond stand hoch am Himmel. Sie trat zu Jack und sah Will. Er saß nur in T-Shirt und Hose draußen im Dunkeln auf den Stufen der Veranda, die Arme um sich selbst geschlungen. Sie öffnete die Tür und Jack schlüpfte nach draußen. „Will,“ hauchte sie, um ihn nicht zu erschrecken. Er reagierte nicht. Es war unglaublich kalt hier draußen. Ihre Füße waren schon eiskalt. Will musste völlig durchgefroren sein. Wie lange saß er schon hier? Sie trat zu ihm. Er war schweiß gebadet und zitterte. Sie ging in die Hocke und berührte sanft seine Schulter. „Will!“ Seine Augen waren geschlossen, sein Kopf zuckte vor und zurück. Sie fuhr ihm sanft durch das Haar, strich ihm über die Wangen. „Will!“, er schien langsam zu sich zu kommen. Er brauchte eine Weile, atmete tief durch und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Dann sah er sie an. „Ich habe geträumt.“, sagte er. Seine Stimme krächzte. Sie nickte: „Ja, Will, du hast geträumt!“ Was konnte sie tun? Sie half ihm hoch und führte ihn vorsichtig wieder ins Haus. Sie blickte auf seine Füße. Sie waren schmutzig. Er war offensichtlich geschlafwandelt. Das erschreckte sie. Sie setzte ihn auf die Couch und warf eine Decke um ihn. Er zitterte immer noch, schien mit seinen Gedanken ganz woanders gefangen. Sie kniete vor ihm nieder und legte eine Hand auf sein Bein. „Ich koche dir einen Tee.“ Er sah sie an, schien sie erst jetzt richtig wahrzunehmen und schüttelte stumm den Kopf. Sie berührte seine Stirn. Er fühlte sich heiß an. Hatte er Fieber? „Dann lass uns nach oben gehen, ja?“ Sie wollte ihm helfen, ihn trösten. Sie wusste nicht, was sie tun konnte. Er nickte, erhob sich langsam und ging dann mit der Decke um die Schultern nach oben. Sarah ging zur Verandatür und rief nach Jack. Sie wollte ihn nicht nachts draußen lassen. Nach kurzer Zeit kam er. Sie verschloss die Tür und lief mit Jack nach oben. Will stand unter der Dusche. Das brauchte er jetzt vielleicht. Sarah sah in den Schränken nach, bis sie Bettwäsche fand. Sie wechselte Wills Bettzeug. Sie wollte nicht, dass er auf feuchten Lacken liegen musste. „Das hättest du nicht tun müssen.“, sagte er. Er stand vor ihr. Wasser tropfte ihn von den Haaren auf den Teppich. Er hatte ein Handtuch um die Hüften geschlungen. „Ich wollte es tun.“, sagte sie. Er nickte. Dann ging er zum Schrank und zog sich ein T-Shirt und eine Unterhose an. Sie beobachtete ihn stumm. Er schien wieder ganz normal zu sein, ganz wach. „Möchtest du lieber, dass ich gehe?“ Vielleicht wollte er in solchen Momenten lieber allein sein. Er sah sie überrascht an und schüttelte heftig den Kopf: „Nein!“ Sie nickte und wusste nicht, was sie tun sollte, also schlüpfte sie wieder unter ihre Bettdecke. Will saß auf der Bettkante mit dem Rücken zu ihr und fuhr sich durch die Haare. Er seufzte und sagte dann: „Ich habe geträumt…“ Er sah sie nicht an. „Was ich immer träume…“ Sarah schluckte. „Was träumst du, Will?“, fragte sie leise. Erst dachte sie, er würde ihr nicht antworten. Sie wollte ihn nicht drängen.


„Wir wussten, dass sie kommen würden.“, sagte er mit brüchiger Stimme. Sarah wagte nicht zu fragen, wen er meinte. „Die Milizen waren nicht mehr weit von unserem Dorf entfernt. Es hatte bereits seit einigen Tagen Schreckensnachrichten gegeben. Wer konnte, floh, aber ich habe unsere Helfer gebeten, bei uns zu bleiben. Wir mussten schließlich die Kranken und Verletzten versorgen.“ Er stockte und stützte seinen Kopf auf seiner rechten Hand auf. Sarah wagte es kaum, zu atmen. Sie wollte, dass Will weiter sprach. „Ich habe geglaubt, weil ich für diese internationale Organisation arbeitete, würden die Rebellen es nicht wagen, bei uns einzudringen. Ich dachte, ich könnte sie beschützen.“ Seine Stimme klang Tränen erstickt. „Sie haben die Türen aufgebrochen. Sie hatten Macheten dabei.“ Sarah sah auf die Narbe an Wills Rücken und krampfte die Hände zusammen. Was hatten sie getan? „Ich habe mich ihnen in den Weg gestellt, aber sie haben mich nicht angehört…“ Er schluchzte auf. „Sie haben alle, jeden einzelnen, die Frauen, die Kinder – sie haben sie alle niedergemetzelt, in meinem Haus!“ „Will!“ Sie stand auf, ging ums Bett und setzte sich zu ihm. „Ich war so naiv, so eingebildet…“, fuhr er fort. Tränen liefen ihm über die Wangen. „Ich träume immer wieder von diesem Mädchen, ihr Name war Kiara.“, erzählte er weiter. „Sie war kaum zehn Jahre alt. Sie lag mitten zwischen all den Toten. Sie hatte diese Wunde am Hals und das Blut sprudelte heraus, mit jedem Schlag, den ihr Herz machte. Es spritzte einfach aus ihrem Körper.“ Er sah auf seine Finger. „Ich habe mit meinen bloßen Händen versucht, das Blut zu stoppen, aber es lief einfach weiter, immer weiter. Ich konnte nichts tun. Ich konnte einfach nichts tun. “ Wie verzweifelt musste er gewesen sein. „Und sie sah mich an, nicht fähig zu sprechen. Sie sah mich einfach nur an… ich kann ihren Blick nicht vergessen. “ Sarah legte eine Hand auf Wills Knie. „Ich habe als Einziger überlebt. Der Weiße hat überlebt!“, sagte Will verbittert. „Und jetzt klebt ihr Blut an meinen Händen und ich kriege es nicht mehr ab. Ich werde es nie wieder abbekommen!“ Er begann wieder zu zittern, fuhr sich mit den Händen übers Gesicht, wie um die schrecklichen Erinnerungen fortzuwischen. „Will! Will!“, sie nahm seine Hände und zwang ihn, sie anzusehen. Sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt tun konnte, um ihm zu helfen. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Was konnte sie schon sagen?! Also nahm sie ihn einfach in die Arme und er ließ es geschehen. „Ich bin hier Will.“, flüsterte sie. „Ich bin bei dir und du bei mir!“ Sie hoffte, dass ihn das für den Moment trösten konnte, dass ihn das vergessen lassen konnte. Er vergrub sein Gesicht in ihren Haaren und sie spürte, wie er tief ihren Duft einatmete. „Ich hatte gehofft, dass, wenn du bei mir schläfst…“, sagte er.  „Dass du dann keine Albträume mehr hast?“, vollendete sie den Satz. Er nickte. „Es tut mir leid.“, hauchte sie. Er legte seine Stirn an die ihre. „Halt dich an mir fest, Will. Wenn du mich brauchst, halt dich einfach an mir fest.“ Mehr konnte sie nicht tun, nur für ihn da sein, wenn er das wollte. Will sah sie an: „Ich möchte nicht mehr, dass es mein ganzes Leben bestimmt.“ Das konnte sie verstehen.

 

 

Sina Jasur
Sina Jasur
Ganz ehrlich? Mein Leben ist zu stressig! Ich bin mit einem Workaholic verheiratet, habe drei Kinder und will mich selbst verwirklichen. Ich schreibe, singe ab und zu in einer Band, engagiere mich in der Flüchtlingshilfe und versuche, nebenbei Geld zu verdienen, am liebsten mit den Dingen, für die ich brenne: Veganismus, Minimalismus und passives Einkommen. Mir macht es einfach Spaß, gesellschaftliche Konzepte zu hinterfragen und neue/alte, andere Wege auszuprobieren. Wenn es Euch auch so geht, ist dieser Blog genau das Richtige.