Liebesgeschichte Teil 10Sarah hat sich mit Peter verlobt und ihren Job in der Kanzlei angetreten. Ihr Vater, Richter Graham, schneit herein, um sie zum Essen einzuladen…

„Und wie geht es dir?“, fragte ihr Vater, als sie bestellt hatten. Sie zuckte mit den Schultern. Sie war immer noch sauer, weil er sie aus dem Büro entführt hatte. „Ich sehe Peter nachher noch.“, sagte er. Sie horchte auf. „Geht es um seine Kampagne?“ Es waren nur noch wenige Wochen, dann musste seine Kandidatur stehen. Alle in ihrer Familie waren sehr aufgeregt deswegen. Ihr Vater nickte und genehmigte sich einen Schluck von seinem Wein. Er sah gut aus, bestens gelaunt. Für ihn lief das Leben perfekt. Sarah schluckte. Sollte sie ihn darauf ansprechen, dass sie ihn mit einer Frau gesehen hatte, in einer recht intimen Situation? Sie sah vor sich, wie er ihre Hand genommen und sich zu ihr gebeugt hatte. Aber vielleicht machte sie sich ja doch nur lächerlich. Er konnte es einfach abstreiten. „Sarah, du kommst mir in letzter Zeit so nachdenklich vor.“ Ihr Vater sah sie kritisch an. „Ist mit dir und Peter alles in Ordnung? Hast du Angst wegen der Hochzeit oder wegen Peters Kandidatur?“ Sarah seufzte. Vielleicht hätte sie doch besser einen Wein bestellen sollen. Was sollte sie ihrem Vater schon sagen. „Ach Dad, es ist vielleicht alles etwas viel, aber…“ Er griff über den Tisch und drückte ihr die Hand. „Du packst das schon, Kleines.“ Er wollte offensichtlich nicht wirklich darüber sprechen, vermutlich hatte Mom ihn dazu gedrängt, mit ihr essen zu gehen und sie danach zu fragen. „Mit Peter hast du einen starken Partner an der Seite.“ Er zwinkerte ihr zu. Sie sah kurz Wills Gesicht vor sich aufblitzen. Was für eine Wahl hatte sie schon…


Der Job in der Kanzlei war extrem anstrengend. Die Tatsache, dass sie in direkter Konkurrenz zu zwei anderen Bewerbern stand, machte die Sache nicht leichter. Hinzu kamen ihre Zweifel, ob der Job überhaupt das Richtige für sie wahr. Sie fühlte sich umgeben von negativen Menschen – diese Menschen für die die Kanzlei arbeitete, stritten sich bis aufs Messer um Häuser, Geld, die Kinder! Die Fälle mit den Kindern gingen ihr besonders an die Nieren. Sarahs Job war es, gesetzliche Schlupflöcher zu finden, damit die Anwälte der Kanzlei die Gegenseite austricksen und über den Tisch ziehen oder zumindest das Beste für den Klienten herausholen konnte. Sarah stürzte sich in die Arbeit. Wie sie vorausgesehen hatte, blieben Peter und ihr kaum Zeit. Sie stand schon fünf Uhr auf, damit sie wenigstens noch eine Runde joggen gehen konnte, dann war sie schon kurz nach sechs im Büro und erst gegen 22 Uhr wieder zu Hause, nur um völlig erschöpft ins Bett zu fallen. Sie hatte das Gefühl, dass die Leute in der Kanzlei alle falsch waren – sie selbst war es schließlich auch. Keiner sprach ehrlich darüber, dass er am Ende des Tages erschöpft war. Es ging eher darum, wer die meisten Überstunden schaffte. Ihre Konkurrenten schienen immer vor ihr im Büro zu sein und sie waren noch da, wenn Sarah abends das Weite suchte und nur noch nach Hause wollte. Trotzdem hatte sie beste Chancen, aufgenommen zu werden. Denn ihr Vater war Richter Robert Graham, mit einem der Partner in der Kanzlei bestens befreundet und ihr Verlobter Peter Dunham, der eine aussichtsreiche politische Karriere vor sich hatte.
Wenn Sarah Glück hatte, konnte sie mit Peter am Wochenende gemeinsam frühstücken. Viel mehr war nicht drin. Er war in der entscheidenden Phase der Vorbereitung seiner politischen Laufbahn. In wenigen Wochen schon sollte er offiziell als Kandidat vorgestellt werden. Die Hochzeit musste warten. Peters Berater hatten bereits vorgeschlagen, die Hochzeit auf einen Termin kurz vor den Wahlen zu legen. So konnten sie das Ereignis medienwirksam verkaufen. Insgeheim war Sarah froh, dass die Hochzeit nicht so bald stattfinden würde. Sie zweifelte immer noch, ob es richtig war, Peter zu heiraten, aber sie sagte keiner Menschenseele etwas davon, sondern verdrängte den Gedanken. Vor der Verkündung von Peters Kandidatur war erst einmal Alexander Turner damit dran, sich feiern zu lassen. Er wurde offiziell zum Staatsanwalt berufen und Peter war zu seiner Berufungsfeier eingeladen. „Wir sollten dort gemeinsam hingehen. Ich hoffe, dass Alexander sich positiv von uns beeinflussen lässt, insbesondere mit so einer attraktiven Frau an meiner Seite.“ Er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Sarah atmete den Duft von Peters Parfum ein. Sie hatte es ihm vor einiger Zeit geschenkt. Sarah wollte nur ungern auf Alexander Turner treffen. Sie wollte jeglicher Erinnerung an Will aus dem Weg gehen. Sie hatte ihn mittlerweile ganz gut verdrängt. Trotzdem fürchtete sie das Schlimmste, wenn sie ihm oder seinem Bruder noch einmal begegnen würde. Peter konnte sie das natürlich nicht sagen.

Sina Jasur
Sina Jasur
Ganz ehrlich? Mein Leben ist zu stressig! Ich bin mit einem Workaholic verheiratet, habe drei Kinder und will mich selbst verwirklichen. Ich schreibe, singe ab und zu in einer Band, engagiere mich in der Flüchtlingshilfe und versuche, nebenbei Geld zu verdienen, am liebsten mit den Dingen, für die ich brenne: Veganismus, Minimalismus und passives Einkommen. Mir macht es einfach Spaß, gesellschaftliche Konzepte zu hinterfragen und neue/alte, andere Wege auszuprobieren. Wenn es Euch auch so geht, ist dieser Blog genau das Richtige.