Artikel Thumbnail-39Hallo Ihr Lieben, seit ein paar Wochen habe ich neue Freunde, eine syrische Familie, die aus Damaskus nach Deutschland gekommen ist und hier in Deutschland Asyl beantragt hat.

Ich erzähle Euch das, weil ich mehr Leute dazu ermuntern will, Kontakt mit syrischen Menschen oder Flüchtlingen anderer Nationen aufzunehmen, um sie kennenzulernen und gemeinsam mit ihnen etwas zu unternehmen. Das ist nicht nur eine Hilfe für alle Geflüchteten, sondern kann auch für uns Deutsche eine Erfahrung sein, die den Horizont erweitert.

Wie wir uns kennen gelernt haben? Ich habe gezielt nach einer syrischen Familie gesucht, der ich beim Einleben in Dresden mit Rat und Tat zur Seite stehen kann und diese syrische Familie hatte ebenfalls den Wunsch, Deutsche kennenzulernen, um mit ihnen unsere Sprache zu sprechen.

So haben wir uns beim Ökumenischen Informationszentrum in Dresden das erste Mal getroffen und mittlerweile schon viel zusammen erlebt.

Ich kann nur sagen, es war eine super Entscheidung, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Ich konnte dieser jungen Familie bereits sehr viel helfen, insbesondere bei der Wohnungssuche und Behördengängen und gleichzeitig habe ich so viel Neues gelernt und ganz viele tolle Erlebnisse mit ihnen gehabt.

Warum ich eine syrische Patenfamilie gesucht habe

Schon seit längerer Zeit versuchte ich mich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren. Ich habe vor allem Fahrten mit unserem Familienauto unternommen, um Kleidung für Flüchtlinge in der Stadt einzusammeln und zum Deutschen Roten Kreuz zu bringen. Ich war auch mal in einer Erstaufnahmeeinrichtung und habe dort beim Verteilen der Kleidung geholfen und das tolle Projekt Dresden-Balkan Konvoi unterstützte ich beim Verpacken von Spenden für den Transport nach Griechenland.

Aber wirklich befriedigend war das für mich noch nicht. Klar, Sachspenden sind wichtig, aber was ist mit den Menschen, die nun hier angekommen sind? Was ist für sie die wichtigste Hilfe, die wir geben können? Wie können wir ihnen helfen, hier in Deutschland ein richtiges zu Hause zu finden?

Sie brauchen Kontakt und zwar nicht nur zu syrischen Freunden, sondern auch zu uns Deutschen. Wir können ihnen helfen, unsere Sprache, unsere Gebräuche kennenzulernen und zu verstehen und vor allem können wir sie einigermaßen sicher durch den Behördendschungel führen.

Ole äußerte auch, dass er Lust hatte, jemanden direkt auf dem Weg in Deutschland zu begleiten, also suchte ich im Netz nach Möglichkeiten, Flüchtlinge mit einer Patenschaft zu unterstützen. Es dauerte gar nicht lange und eine syrische Familie war gefunden.

Wie die ersten Treffen waren

Unser erstes Treffen war noch auf neutralem Boden zusammen mit einem Dolmetscher und ich war wirklich gespannt. Ich wusste nur, dass es junge Leute sind mit einer kleinen Tochter und das nächste Kind war schon unterwegs.

Ich habe mich gefreut, dass die Familie eine kleine Tochter hat, denn was verbindet besser, als Kinder. Kinder sind so frei und unbefangen, die kümmert es nicht, aus welchem Land die Person stammt, die sie gerade kennen lernen.

Zum ersten Treffen kam der syrische Papa. Ich habe erfahren, dass er einen Deutschkurs macht. Ich habe ihn, seine Frau und die Tochter zu uns nach Hause eingeladen und dafür gesorgt, dass meine Kinder dabei sein können, weil ich hoffte, dass die Kinder alles etwas auflockern würden. Voreingenommen wie ich war, habe ich mir vorgestellt, dass die Frau gar nicht deutsch sprechen konnte und die ganze Zeit wohl schweigen würde. Vom Papa dachte ich, dass er wohl am liebsten nur mit einem Mann reden würde, wie man sich das so von arabischen Männern vorstellt, weshalb ich Ole gebeten habe, auch dabei zu sein.

Doch Ole hatte wegen seiner Arbeit kaum Zeit und wollte erst später dazu stoßen. Also war ich ganz schön aufgeregt, vor unserem Treffen und war sehr gespannt, wie ich mit „meiner“ syrischen Familie zurecht kommen würde und ob wir uns einigermaßen verständigen können.

Die Sorgen verflogen schnell: Die syrische Frau konnte auch deutsch, denn sie besuchte (natürlich!) den gleichen Kurs wie ihr Mann. Wir konnten also alle ganz gut miteinander sprechen. Wenn uns ein Wort fehlte, verständigten wir uns mit Händen und Füßen. Die kleine Tochter der beiden spielte mit meinen Kindern und weil sie einen deutschen Kindergarten besucht, spricht sie schon super deutsch.

Das sind ganz normale Leute

Die Beiden sind ein junges verheiratetes Paar (er 30, sie 25) aus Damaskus. Sie trägt eigentlich ein Kopftuch, traut sich das in Dresden aber nicht auf der Straße und trägt deshalb eine Mütze, die ihr Haar verdeckt. Beide haben Freunde und Verwandte in Dresden, aber eben fast alles nur arabisch sprechende Menschen.

In Damaskus führten sie ein  sehr gutes und glückliches Leben. Sie haben mir viele Fotos gezeigt. Ich würde sie der oberen Mittelschicht zuordnen. Durch den Krieg haben sie alles verloren und konnten quasi nichts mit nach Deutschland bringen. Aber sie sind nicht verbittert oder traurig. Im Gegenteil schon bei diesem ersten Treffen haben wir viel gelacht.

Die Beiden haben es sich nicht nehmen lassen, uns nach diesem Treffen auch zu sich nach Hause einzuladen. Sie begrüßten uns in ihrer sehr kleinen, aber super ordentlichen Wohnung. Als wir kamen, war der Tisch schon reich gedeckt mit syrischen Spezialitäten. Wir hatten ihnen bei unserem ersten Treffen erzählt, dass wir kein Fleisch essen und darauf hatten sie Rücksicht genommen. Es gab wunderbares Tabouleh, und Brot aus Hefeteig. Dabei war auch noch die ältere Schwester des Mannes und seine Mutter. Beide Frauen sind erst vor drei Monaten aus Syrien hierher geflohen über die übliche Flüchtlingsroute: Türkei, Mittelmeer im Schlauchboot und dann von Griechenland über Umwege nach Dresden!

Aber auch bei diesen beiden Frauen habe ich gemerkt, dass sie zuversichtlich in die Zukunft schauen. Große Sorge herrscht nur wegen des Vaters, der aufgrund einer Erkrankung die beschwerliche Fluchtroute nicht auf sich nehmen konnte und in Damaskus zurück bleiben musste.

Interessant für mich war, dass vor allem die Frauen in der Familie sehr religiös sind. Sie tragen definitiv freiwillig das Kopftuch. Überhaupt sind die Frauen in der Familie sehr selbstbewusst und die Männer (ich habe auch noch den älteren Bruder kennen gelernt), achten sehr auf die Wünsche der Ehefrau und auch der Mutter. Auch die kleine Tochter (4 Jahre alt) der Beiden soll einmal selbst entscheiden, ob sie überhaupt ein Kopftuch tragen möchte.

Wie ich meiner syrischen Patenfamilie am besten helfen kann

Inzwischen war ich schon sehr oft bei meiner syrischen Patenfamilie und ich konnte ihnen bei vielem helfen: denn, obwohl sie einigermaßen deutsch sprechen können, sind gerade behördliche Angelegenheiten unglaublich schwierig. Auch Briefe von der Bank oder der Krankenkasse oder der Telefongesellschaft sind ja schon für uns deutsche Muttersprachler teilweise eine Herausforderung.

Wenn ich also mal wieder auf einen arabischen Kaffee vorbei komme, kann ich nebenbei neue Dokumente und Anfragen durchgehen und fülle das auch mal schnell für sie aus. Diverse Telefonate, um etwas beim Jobcenter zu erfragen, habe ich bereits getätigt und ich war mit ihnen beim Sozialamt oder bei einer Wohnungsbesichtigung. Natürlich machen wir nicht nur Behördengänge zusammen. Wir hatten auch einen gemeinsamen Ausflug nach Bautzen und Ole will gern mit den Brüdern mal Go-Kart fahren gehen.

Für mich bedeutet das Lesen eines Briefes oder ein Anruf bei einer Behörde kaum Aufwand. Für die Familie ist es aber Gold wert, im wahrsten Sinne des Wortes, denn ein Dolmetscher ist natürlich sehr teuer, wenn man ihn ständig braucht.

Ich habe erlebt, wie einfach es ist, zu helfen und deshalb möchte ich gern mehr Deutsche dazu anregen, auf syrische Flüchtlinge zuzugehen. Ich kenne beispielsweise auch ein 18jähriges syrisches Mädchen, die hier in Dresden gern ihr Medizinstudium fortsetzen möchte und gerade nur mit älteren Landsleuten in einer WG wohnt. Sie wünscht sich Kontakt zu Gleichaltrigen, mit ähnlichen Interessen. Das ist doch nur allzu verständlich. Sie hat keine Familie hier, nur einen Onkel, der in einer anderen Stadt in Deutschland lebt. Jetzt braucht es eben Deutsche in ihrem Alter, die sie willkommen heißen und so geht es fast allen syrischen Neuankömmlingen.

Nur Mut! Es lohnt sich!

Wenn Ihr sowieso Interesse an anderen Lebensweisen habt, könnt Ihr nur davon profitieren. Es macht so viel Spaß und Freude diesen Leuten zu helfen und meine Patenfamilie gibt mir unheimlich viel zurück. Wir stehen uns schon nach so kurzer Zeit sehr nahe. Ich freue mich immer sehr, wenn ich mal wieder irgendwie helfen konnte.

Stellt Euch vor, jede zweite deutsche Familie würde sich einer syrischen Familie annehmen (oder Flüchtlingen aus anderen Ländern), wie viel schneller und reibungsloser die Integration verlaufen würde.

Ein bisschen Mut erfordert es schon, ich hatte selbst großen Respekt vor dem ersten Treffen, aber ich finde, es lohnt sich sehr.

Ein paar Tipps, um den Anfang zu erleichtern

Es bietet sich an, das erste Treffen auf neutralem Boden zu machen. Wenn Ihr jemanden über einen Verein kennenlernt, habt Ihr meist die Möglichkeit Euch erstmal in den Räumen des Vereins zu treffen. Nach dem ersten Kennenlernen könnt Ihr selbst entscheiden, ob diese Person wirklich zu Euch passt.

Ihr müsst niemanden gleich zu Euch nach Hause einladen. Das könnt ihr dann nach Bauchgefühl entscheiden, wie sympathisch Ihr Euch seid.

Gebt bei den Vereinen an, was Eure Interessen sind, was Ihr Euch selbst vorstellt, das erleichtert die Suche der Vereine nach den passenden Personen und erhöht die Chancen, dass es auch „Klick“ bei Euch macht und Ihr Euch mögt.

Sprecht offen über Dinge, bei denen Ihr unsicher seid, beispielsweise: ob jemand Alkohol trinkt oder nicht. Wir haben zum Beispiel auch überlegt, dass wir mit den Kindern gemeinsam schwimmen gehen wollen. Meine syrische Freundin möchte das nicht machen, weil unsere Schwimmhallen ja gemischt sind, also Frauen und Männer gemeinsam schwimmen. Also haben wir überlegt, dass Ole mit unseren Kindern und dem syrischen Familienpapa mit seiner Tochter mal zusammen schwimmen gehen wird.  Man muss sich ja nicht verbiegen und kann das auch nicht von den anderen verlangen. Versucht in solchen Situationen einfach Kompromisse zu finden, so dass sich jeder wohlfühlt und in seinen Besonderheiten akzeptiert fühlt. Das wünscht sich jeder von uns ja auch!

Wenn es Euch zu viel wird, sprecht das an. Viele Flüchtlinge haben furchtbare Dinge erlebt und leiden auch jetzt noch, weil der Familiennachzug nicht so einfach ist und sehr lange (etwa zwei Jahre) dauern kann. Ihr könnt natürlich trösten, aber zieht auch Grenzen, falls es Euch emotional zu viel wird. Niemandem ist geholfen, wenn Ihr Euch selbst alles zu Herzen nehmt und mit runtergezogen werdet.  Entscheidet selbst, wie weit ihr die Menschen, denen Ihr helft, mit in Euer Leben integrieren wollt.

Es werden auch Deutsche gesucht, die einfach nur bei den Behördengängen und der Wohnungssuche unterstützen, wo der private Kontakt nicht so stark oder gar nicht vorhanden ist. Das ist selbstverständlich auch kein Problem!

Gerade die Wohnungssuche ist recht komplex: es gilt Dokumente vom Sozialamt zu besorgen, dann die Wohnungsbesichtigung und das Ausfüllen der Reservierung und beim Jobcenter müssen diverse Bescheinigungen zur Zahlung der Miete, Kaution und so weiter eingeholt werden. Wem die Deutschkenntnisse hier fehlen, der hat kaum eine Chance.

Syrer in Deutschland auf YouTube

Weil ich Euch hier nicht die Namen und Gesichter meiner Patenfamilie zeigen möchte, stelle ich Euch abschließend mal zwei Youtube-Kanäle von Syrern, die in Deutschland leben, vor, die mir ebenfalls sehr sympathisch sind:

Der Bekannteste ist wahrscheinlich Zukar alias Firas Alshater:

Den Kanal GermanLifeStyle GLS finde ich auch super. Er ist vor allem auch für Syrer in Deutschland gedacht, um sie beim Lernen der deutschen Sprache zu unterstützen. Sehr sympathische Jungs 🙂

Jetzt interessieren mich natürlich Eure Erfahrungen und Geschichten. Vielleicht habt Ihr ja auch Tipps und Hinweise zu dem Thema. Schreibt mir alles unten in die Kommentare. Ich bin gespannt 🙂

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Sina Jasur
Sina Jasur
Ganz ehrlich? Mein Leben ist zu stressig! Ich bin mit einem Workaholic verheiratet, habe drei Kinder und will mich selbst verwirklichen. Ich schreibe, singe ab und zu in einer Band, engagiere mich in der Flüchtlingshilfe und versuche, nebenbei Geld zu verdienen, am liebsten mit den Dingen, für die ich brenne: Veganismus, Minimalismus und passives Einkommen. Mir macht es einfach Spaß, gesellschaftliche Konzepte zu hinterfragen und neue/alte, andere Wege auszuprobieren. Wenn es Euch auch so geht, ist dieser Blog genau das Richtige.