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Wenn man seine Kinder (fast) vegan ernährt, machen sich Oma und Opa und der Kinderarzt schon mal Sorgen. Seltsamerweise prüft keiner die Ernährungsweise anderer Kinder, die jeden Tag ihr Glas Milch, ein Wienerchen und Bärchenwurst aufs Brot bekommen.

Nur um eins klar zu stellen: Auch die westliche Standardernährung birgt das Risiko von Mangelerscheinungen! Während Veganer auf den Konsum von Kalzium, Eisen und B12 achten sollten, müssten Fleischesser gleich sieben Nährstoffe im Auge behalten: Kalzium, Ballaststoffe, Eisen, Folate, Magnesium, Vitamin C und Vitamin E. Aber da wird nicht so ein Fass aufgemacht!

Ich will mich nicht beschweren – die Leute meinen es ja nur gut. Sie wissen es auch nicht besser. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass eine vollwertige pflanzenbasierte Ernährung zu Mangelerscheinungen führen muss – vor allem in Deutschland!

Das könnte vielleicht daran liegen, dass die DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) eine ziemlich veraltete Position zur veganen Ernährung vertritt, die im internationalen Vergleich offensichtlich nicht dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand entsprechen.

„Die DGE gibt Studienergebnisse falsch wieder, sucht sich aus Studien Ergebnisse heraus, die zu ihrer Position passen und verschweigt andere Ergebnisse aus den gleichen Studien, die ihrer Position widersprechen, ignoriert Studien mit veganen Kindern die zu einer neutral-positiven Bewertung veganer Kinderernährung gelangen und zieht stattdessen Studien mit mangelernährten Kindern aus religiösen Minderheiten mit restriktiven Ernährungsregeln heran um ihre Ablehnung veganer Kinderernährung zu untermauern. Es ist tatsächlich haarsträubend unwissenschaftlich.“

Ausführlich könnt ihr hier nachlesen, was es an dem Positionspapier der DGE zur veganen Ernährung zu beanstanden gibt.

Was sagen andere Ernährungsorganisationen?

„Der DGE […] steht nicht nur die AND [die weltweit größte Vereinigung von ErnährungswissenschaftlerInnen] gegenüber, sondern auch das National Health and Medical Research Council der australischen Regierung („Angemessen geplante vegetarische Ernährungsformen [vegane Ernährung eingeschlossen] sind für Individuen in allen Lebenszyklen geeignet“), die Canadian Paediatric Society („Gut geplante vegetarische und vegane Ernährung, in der ein Augenmerk auf spezielle Nährstoffe gerichtet wird, kann einen gesunden, alternativen Lebensstil in in jeder Phase der Entwicklung von Föten, Säuglingen, Kindern und Jugendlichen darstellen.„), die British Dietetic Association („Gut geplante vegetarische Ernährungsformen [die vegane Ernährung eingeschlossen] sind für alle Lebensphasen geeignt und haben viele Vorteile.“) und die American Paediatric Association.

Was diese Papiere gemeinsam haben und sie von denen […] der DGE unterscheidet, ist, dass sie sich ausführlich und differenziert mit der veganen Ernährung beschäftigen. Dabei setzen sie sich kritisch mit den potentiell schwierigen Nährstoffen innerhalb einer veganen (Kinder-)Ernährung auseinander, geben konkrete Ernährungsempfehlungen ab, so dass Mangelversorgungen vermieden werden können und lassen auch die gesundheitlichen Vorteile, die eine vegetarische oder vegane Ernährungsform mit sich bringen, nicht außer Acht.“

Sohra und die Macher der Website TofuFamily kritisieren die einseitige Position der DGE. Sie verweisen darauf, dass die DGE (bewusst oder unbewusst) den deutschen Bürgern wichtige Informationen zur veganen Ernährung vorenthält. Das Problem dabei:

„Der Umstand, dass die DGE eine vegane Kinderernährung ablehnt, führt etwa dazu, dass StillberaterInnen und zertifizierte ErnährungsberaterInnen vegane Mütter/Eltern nicht zu veganen Ernährungsfragen beraten dürfen oder dazu, dass vegane Kinder an Berliner Schulen und anderswo kein veganes Essen bekommen.“

Das heißt, gerade die Personen, die uns Normalbürger dabei helfen sollen, uns und unsere Kinder gesund zu ernähren, dürfen sich gar nicht zu einer veganen Ernährungsform äußern! Letztendlich fördert die DGE durch ihre Position die Gefahr von Mangelerscheinungen bei (veganen) Kindern, weil deren Eltern keine neutrale, wissenschaftlich fundierte Quelle haben, um Auskünfte für eine gesunde vegane Ernährung zu erhalten!

Ich persönlich fände es auch toll, wenn ich bei meinem Arzt oder Kinderarzt ganz entspannt und offen darüber sprechen könnte, dass ich mich selbst vegan ernähre und ich mir eine hauptsächlich vegane Ernährung für meine Kinder wünsche (so weit das heute eben möglich ist). Es wäre super, wenn der Arzt dann Ernährungsempfehlungen der DGE zücken könnte, die mir wertvolle Tipps geben, worauf ich dann zu achten habe (Vitamin B12, Vitamin D, Eisen)… Es wäre noch besser, wenn es gesundes (!), veganes Essen für Kinder als Wahlessen an Schulen gäbe.

Es geht also darum, dass die DGE sich möglichst wertfrei mit der veganen Ernährung für Erwachsene und Kinder auseinandersetzt und entsprechende Ernährungsempfehlungen aufstellt. Deshalb hat Sohra eine Petition gestartet, die Folgendes von der DGE fordert:

„➤ eine differenzierte, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der veganen Kinderernährung,

➤ die sachgemäße Berücksichtigung aktueller Studien und den Verzicht auf die einseitige, selektive Wahl und Auswertung veralteter Studien und Untersuchungen,

➤ alternativenorientierte, konkrete Ernährungsempfehlungen für vegane oder veganinteressierte Eltern, statt pauschal ablehnender Defizitorientierung,

➤ die Orientierung am Beispiel vergleichbarer amerikanischer, britischer, kanadischer und australischer Ernährungs- und Kindergesundheitsverbände, die sich einer veganen Kinderernährung gegenüber längst neutral-wohlwollend positionieren, ihre gesundheitlichen Vorteile betonen und sie mit Ernährungsempfehlungen konstruktiv unterstützen

➤ die Akzeptanz veganer Ernährung als eine Ausprägung von Vielfalt in der Gesellschaft und die Abkehr von Stigmatisierung veganer Familien“

Hier ein ausführlicheres Interview zu den Beweggründen für die Petition…

Falls Du, vegan oder nicht, von der DGE verlässliche und seriöse Informationen auch zu einer veganen Ernährung wünschst, unterzeichne bitte diese Petition.

Hier findest Du eine Übersetzung des Positionspapiers der A.N.D. (Academy of Nutrition and Dietetics, früher: ADA), dem US-amerikanischen Pendant zur DGE, aus dem Jahre 2003. Eine neuere Fassung wurde 2009 veröffentlicht.

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Sina Jasur
Sina Jasur
Ganz ehrlich? Mein Leben ist zu stressig! Ich bin mit einem Workaholic verheiratet, habe drei Kinder und will mich selbst verwirklichen. Ich schreibe, singe ab und zu in einer Band, engagiere mich in der Flüchtlingshilfe und versuche, nebenbei Geld zu verdienen, am liebsten mit den Dingen, für die ich brenne: Veganismus, Minimalismus und passives Einkommen. Mir macht es einfach Spaß, gesellschaftliche Konzepte zu hinterfragen und neue/alte, andere Wege auszuprobieren. Wenn es Euch auch so geht, ist dieser Blog genau das Richtige.