Ethik oder Gesundheit?Es gibt da diese Studie: die Veganer zu ihrer Motivation für den Veganismus befragte.

Es gab die ethisch motivierte Gruppe und die Leute, die aus gesundheitlichen Gründen vegan wurden. Ich hätte ehrlich gesagt gedacht, dass die meisten Veganer “Mischlinge” sind. Ich beispielsweise wäre so ein Mischling, ich bin aus ethischen Gründen zum Veganismus gekommen und habe mich im Zuge dessen auch mit den gesundheitlichen Aspekten beschäftigt und mich riesig gefreut, als ich mitbekommen habe, dass aus gesundheitlichen Gründen vieles, wenn nicht sogar sehr viel für den Verzicht auf tierische Produkte spricht.

Nun gibt es einige Diskussionen auf Grund dieser Studie, weil offensichtlich viele derjenigen, die sich aus gesundheitlichen Gründen vegan ernähren, wieder “abtrünnig” werden, während die ethisch motivierten Veganer länger dabei bleiben, mit Betonung auf länger, nicht unbedingt für immer!

Heißt das, ethisch motivierte Veganer sind die besseren Veganer?

Klar, eine ethisch motivierte Begründung übt auf den Einzelnen um einiges mehr Druck aus – schließlich will man nicht gegen seine ethischen Überzeugungen handeln, will tatsächlich nicht, dass Tiere zu schaden kommen. Man geißelt sich förmlich selbst dafür, wenn man vom veganen Weg abkommt. Ich kenne das selbst nur zu gut. Die ethische Motivation bedeutet unglaublichen Druck. Es geht weniger darum, ob der Körper nur mal ausnahmsweise doch etwas für ihn “Giftiges” aufgenommen hat, als darum, die Welt zu retten. Und hier muss man quasi scheitern – menschlich sein, heißt Fehler machen – wir haben aber Probleme damit, uns diese Fehler zu verzeihen.

Wir können das auch positiv betrachten – die ethische Motivation scheint lang anhaltender, wenn man die einmal hat, ist es nicht so leicht, davon wieder abzurücken und zum Beispiel zu sagen: Na gut, Tiere töten ist eben doch kein Problem…

Heißt das Gesundheitsveganer haben es einfacher? Sie müssen sich ja nur um sich selbst Sorgen machen. Aber auch sie sind großem Druck ausgesetzt: sozialem Druck. Man muss sich ja ständig umständlich erklären. Als mein Arzt mich fragte, warum ich mich vegan ernähre, habe ich ihm gesagt, aus ethischen Gründen. Da kann er nicht viel dagegen sagen. Hätte ich gesundheitliche Gründe angeführt, wäre bestimmt eine riesen Diskussion entstanden. Er hat vermutlich ganz andere Informationsquellen als ich und ist mit Sicherheit kein Ernährungsexperte (fragt mal Euren Arzt, wie viele Semester Ernährungswissenschaft er hatte). Und dann ist da noch der Informationsdruck. Wer sagt uns, was gesund ist oder nicht? Ich fürchte, es sind in erster Linie die Medien. Die Informationsflut zu gesunden Lebensweisen ist endlos und konträr. Da reden nicht nur Mediziner und Ernährungswissenschaftler mit. Auch die Fleisch- und die Milchlobby machen ihren Einfluss bei den Medien geltend. Das kann leicht zu Unsicherheiten führen. Schließlich will man sich nicht krank essen. Und jetzt kommen noch die so genannten ethischen Veganer hinzu und degradieren die gesundheitlich motiverten Veganer zu spirituellen Spinnern, die dem allgemeinen Ansehen der Veganer eher schaden…

Für mich bedeuten die Ergebnisse der Studie nicht, dass gesundheitliche Veganer, Veganer zweiter Klasse sind und sie nicht für voll genommen werden sollten, weil sie ja sowieso rückfällig werden, sondern, dass wir nachhaltiger über das vegane Gesamtpaket aufklären müssen – Gesundheit, Ethik, Umweltschutz. Wir müssen insbesondere auch über die gesundheitlichen Vorteile der veganen Ernährung aufklären. Deshalb mache ich so oft Werbung für die Website von Dr. Michael Greger: www.nutritionfacts.org. Solche Projekte helfen, Unsicherheiten aus dem Weg zu schaffen und dranzubleiben.

Ich glaube, dass sich tatsächlich mehr Menschen durch gesundheitliche Aspekte überzeugen lassen. Bertolt Brecht hatte nicht ganz unrecht mit seinen Worten: “Erst kommt das Fressen, dann die Moral!” Da sollten wir nicht so naiv sein! Jeder denkt nun einmal zuerst an sich selbst – ist ja auch ein gewisser Selbstschutz! Und gerade deshalb hat es ein gesunder, vitaler Veganer sicherlich leichter, Interesse bei anderen Menschen für diese Lebensweise zu wecken als ein, ich übertreibe es jetzt mal, griesgrämiger, blasser Puddingveganer. Wir brauchen vegane Vorbilder, die fit, gesund und vital sind – auch im Kopf, ganz klar!

Mich nervt dieses Thema ehrlich gesagt. Was zählt, ist doch die steigende Zahl der Veganer und deren Einfluss auf die Noch-Nicht-Veganer. Es ist wichtig,dass es diese verschiedenen Arten von Veganern gibt, letztendlich ist jeder einzelne Mensch unterschiedlich und jeder Veganer kann auf seine ganz persönliche Weise, mit seiner ganz persönlichen Geschichte, seiner einzigartigen Erzählweise andere von diesem Lebensweg überzeugen.

Darum gibt es sogar schon zahlreiche Videos unter dem Hashtag #myveganstory auf Youtube und Co., weil es sich in der Gemeinde herumgesprochen hat, dass jeder von uns auf seine ganz eigene Art andere von dieser Lebensweise überzeugen kann.

Ich halte nichts von Stigmatisierung der Menschen, die “rückfällig” werden oder mal einen Ausrutscher haben. Genau das könnte der Grund sein, warum Menschen keine Lust mehr auf vegan haben, weil sie sich dann permanent unter Druck fühlen und am Ende nicht mehr wissen, was sie noch essen oder kaufen dürfen. Das kann verdammt anstrengend werden und nicht jeder hält diesem Druck stand. Ich habe mir schon manchmal gedacht, dass mein Leben um einiges einfacher wäre, wenn ich all das nicht wüsste, was ich weiß:  jeden Tag ein schlechtes Gewissen zu haben, jeden Tag zu wissen, dass all die Tiere grausam getötet werden, dass so viele Menschen so naive Konsumenten sind und es scheinbar kein Vorankommen gibt in unserer Gesellschaft. Das ist nicht leicht!

Werden wir es in nächster Zeit schaffen, dass alle Welt 100% vegan lebt? Ich bezweifle das. Was ich für möglich halte, ist, dass die meisten Menschen einer pflanzenbasierten Ernährung folgen und tierische Produkte die absolute Ausnahme sind. Ein Umstieg ist doch viel leichter, wenn man sich nicht sagen muss, ich darf nie wieder im Leben mein Lieblingsessen Schnitzel mit Kartoffeln essen. Wie viel leichter ist es, sich die ganze Woche vegan zu ernähren, um sich dann am Sonntag eine Mahlzeit mit Schnitzel und Pommes zu gönnen, sozusagen als Belohnung. Das ist nicht 100% vegan, das ist nicht 100% ethisch korrekt, aber bleiben wir doch mal realistisch…

Wie siehst Du das? Bist Du vegan? Wenn ja: Warum und was motiviert Dich, bei der veganen Lebensweise zu bleiben? Wenn nein: Was könnte Dich davon überzeugen? Würdest Du vegan probieren, wenn Du einen so genannten „Cheat-Day“ einlegen könntest?

PS: Ein interessanter Artikel darüber, wie die zunehmend bessere Vernetzung der Veganer (zum Beispiel in Online-Communities) dazu beitragen kann, dass Veganer auch vegan bleiben – einfach weil sie nicht mehr so allein auf weiter Flur sind 🙂

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Sina Jasur
Sina Jasur
Ganz ehrlich? Mein Leben ist zu stressig! Ich bin mit einem Workaholic verheiratet, habe drei Kinder und will mich selbst verwirklichen. Ich schreibe, singe ab und zu in einer Band, engagiere mich in der Flüchtlingshilfe und versuche, nebenbei Geld zu verdienen, am liebsten mit den Dingen, für die ich brenne: Veganismus, Minimalismus und passives Einkommen. Mir macht es einfach Spaß, gesellschaftliche Konzepte zu hinterfragen und neue/alte, andere Wege auszuprobieren. Wenn es Euch auch so geht, ist dieser Blog genau das Richtige.