Ich bin gegen Gewalt. Das ist einer der Hauptgründe, warum ich überhaupt vegan leben möchte – um Gewalt gegen Tiere, die Menschen und unseren Planeten zu verhindern. Dann treffe ich Gary Yourofsky – DEN Tierrechtsaktivisten – und er sagt mir, dass es einen Punkt gibt, an dem nur noch Gewalt helfen kann, die vegane Sache zu vertreten, weil es Menschen gibt, die sich nicht durch logische Argumentation ändern werden.


Könnte ich in ein Schlachthaus gehen und einen der Schlächter erschießen? Nein, wohl kaum. Dieser Arbeiter hat vielleicht selbst Kinder und muss diesen gruseligen Job machen, um sie zu ernähren. Ja, er hätte sicher andere Wege finden können, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, als diesen ausbeuterischen Job. Er würde bestimmt betteln und um sein Leben flehen und ich soll abdrücken, um die Schweine, die neben ihm stehen zu retten? Nein, ich bin Veganerin, weil ich Empathie empfinde – auch für den Schlächter!

Ich sage nicht, dass sein Leben mehr wert ist, als das der Schweine. Wir Menschen stehen nicht über den anderen Lebewesen, aber mich als Richter über andere Menschen zu erheben? Das kann nicht die Lösung sein. Das könnte ich sicher nicht! Was wäre zum Beispiel, wenn Gary einer jungen Frau namens Christiane Haupt im Schlachthaus begegnet wäre und sie getötet hätte? Sie hätte später nicht den bewegenden Bericht über ihr Praktikum veröffentlichen können, der so vielen Leuten zeigt, was tatsächlich hinter den Mauern der Schlachthäuser abläuft.

Oder Nicol Froning: Sie war mal Landwirtin und ist „erst jetzt“ Veganerin geworden. Wir alle brauchen Zeit, um zu verstehen, was wirklich abgeht, wie viel Leid wir verursachen durch unseren Konsum. Gary selbst war 24 als er vegan wurde.

Es macht mich unglaublich traurig, dass jemand, der so viel Vorbildcharakter hat wie Gary Yourofsky, glaubt, so weit gehen zu müssen. Kann ich ihn verstehen? Ja, sehr gut sogar. Gary kämpft seit zwanzig Jahren für die Tiere, muss seit zwanzig Jahren machtlos mit ansehen, wie wir weiter und weiter Millionen und Abermillionen von Tieren quälen und abschlachten, jeden Tag, ohne Pause, ohne Sinn und Verstand. Es scheint ein Kampf gegen Windmühlen.

Es wird vielleicht tatsächlich Leute geben, die das Ausführen, was Gary Yourofsky „predigt“, die zum Beispiel Frauen vergewaltigen, die einen Pelz tragen. Würden diese Leute damit irgend etwas an der Welt ändern? Sie würden das Leben ihrer Opfer für immer ändern und die Welt nur zum Schlechten. Gary meint, eine Revolution ging bisher immer mit Gewalt einher. Selbst, wenn es tatsächlich so wäre, heißt es, dass eine Revolution automatisch gewalttätig ablaufen muss? Ist es dann tatsächlich die Revolution, die wir Veganer erreichen wollen?

Gary sieht die Gewalt als eine Art Selbstverteidigung der Tiere – hier möchte ich ihm zustimmen. Gary ist definitv Anwalt der Tiere. Er würde nicht töten, um des Tötens Willen oder weil er Menschen hasst, sondern, weil er die Tiere verteidigen will, die es selbst nicht tun können. Ich aber glaube, dass es sinnlos ist, die Menschen, die zum Beispiel in Schlachthäusern arbeiten umzubringen. Es sind doch die Konzerne, die hier eigentlich wirken und die widerum sind nicht menschlich. Wir können noch so viele Menschen töten, die Maschine wird weiterlaufen – so lange es Menschen gibt, die Fleisch kaufen.
Heißt das, wir sollten die Millionen Verbraucher töten, die Fleisch kaufen? Auch das würde nichts bringen. Wir können nicht ALLE Fleischesser töten! Wir müssen ein Umdenken erreichen, nicht durch Gewalt, sondern durch vegane Vorbilder und Aufklärung.

Gary muss das bewusst sein.Er selbst hat noch nie einen Menschen angerührt. Ja, er ist ein, zweimal wohl ausfällig geworden (siehe Wikipedia), aber er hat nie in seinem Leben Gewalt gegen Menschen ausgeübt, auch nicht um Tiere zu retten. Sachbeschädigung ja, aber Gewalt gegen Menschen: nein und gerade deshalb kann ich nicht verstehen, warum er trotzdem Gewalt promotet.

Jetzt kommt etwas, was einige von Euch vielleicht nicht nachvollziehen können: Gary ist trotzdem ein Held für mich, kein Terrorist. Er sagt selbst, dass man nicht immer 100% mit einer Organisation oder Person übereinstimmen muss und sie trotzdem befürworten kann. Gary polarisiert, aber mit seinen Vorträgen erreichte er bisher mehr als 60.000 Menschen! In Israel ist eine ganze vegane Bewegung entstanden, nicht zuletzt wegen seiner Reden:

„Tamar hat vor allem ein Video des Vegan-Gurus Gary Jurofski überzeugt, der Fleischverzehr als „Holocaust für Tiere“ bezeichnet. Es sei genau diese Provokation – der Vergleich mit dem Holocaust – die „in unserer Gesellschaft so starke Wirkung erzielt“, sagt der auf Ernährungsfragen spezialisierte Soziologe Rafi Grosglik von der Uni Tel Aviv. Dies sei auch der Grund dafür, „dass unsere Veganer, anders als bei den Hindus oder Hippies, äußerst militant werden können“. (N24, 03.11.2014)

Betrachten wir es aus Sicht der Tiere: Schweine, Kühe, Hühner haben nicht die Möglichkeit, sich selbst zu verteidigen. Würden wir es akzeptieren, wenn sie sich mit Gewehren gegen ihre Ermordung und die Ermordung ihrer Kinder wehren?

Gary ist definitiv der Held der Tiere. Er kämpft unermüdlich für ihre Rechte. Das ist alles, was sein Leben bestimmt. Er ist dafür sogar ins Gefängnis gegangen. Er wurde zu sechs Monaten Haft in einem Hochsicherheitsgefängnis verurteilt, von denen er 77 Tage absaß, weil er in Kanada 1.500 Nerze aus einer Fellfarm befreit und damit vor dem sicheren Tod gerettet hatte. 

Er setzt sich mit allen Mitteln, die er hat, für die Schwächsten ein und schlussendlich sollten wir bei ihm keine doppelmoralischen Standards anwenden. Emily Moran Barwick hat es am Ende des Interviews mit Gary sehr schön auf den Punkt gebracht:

„Ich möchte klarstellen, dass Gary, […], überzeugt ist, dass wir mit Aufklärung die größten Veränderungdn erreichen können. Und in die Aufklärung sollten wir in erster Linie unsere Energien stecken. In diesem Video geht es nicht darum, zu sinnloser Gewalt aufzurufen, aber ich denke, dass es wichtig ist, sich klarzumachen, dass die Veganer mehrheitlich nicht die Gewalttätigen sind. Selbst solche, die in Labore und Farmen einbrechen, um Tiere zu retten. Wir sind nicht diejenigen, die jährlich 150 Milliarden empfindungsfähige Lebewesen töten. Wir sind nicht diejenigen, die Babys ihren Müttern wegnehmen, nur Momente nach der Geburt oder nur einen Tag alte Babies töten, weil wir sie nicht gebrauchen können. Wir sind nicht diejenigen, die Lebewesen bei vollem Bewusstsein anal mit Strom töten, um ihr Fell und ihre Haut zu nutzen. Wir sind nicht diejenigen, die sie foltern im Namen des medizinischen Fortschritts, trotz hinlänglicher Beweise für die Ungenauigkeit solcher Methoden. DAS ist Gewalt. Und sie ist nicht entschuldbar, insbesondere, wenn wir sie für so etwas triviales wie eine Mahlzeit, ein Fashion-Statement oder fehlerbehaftete Wissenschaft einsetzen.“ (Übersetzung von mir)

Hier findet Ihr die wohl bedeutendste Rede von Gary Yourofsky (über 10 Million Youtube-Aufrufe, übersetzt in mehr als 30 Sprachen), die frei von jeglichen Gewaltaufrufen ist. Ein Satz von Gary aus diesem Video: „Alles, was ich will, ist die Menschen wieder mit den Tieren zusammenzubringen.“

Sina Jasur
Sina Jasur
Ganz ehrlich? Mein Leben ist zu stressig! Ich bin mit einem Workaholic verheiratet, habe drei Kinder und will mich selbst verwirklichen. Ich schreibe, singe ab und zu in einer Band, engagiere mich in der Flüchtlingshilfe und versuche, nebenbei Geld zu verdienen, am liebsten mit den Dingen, für die ich brenne: Veganismus, Minimalismus und passives Einkommen. Mir macht es einfach Spaß, gesellschaftliche Konzepte zu hinterfragen und neue/alte, andere Wege auszuprobieren. Wenn es Euch auch so geht, ist dieser Blog genau das Richtige.